Ein Casanova inmitten hipper sozio-materieller Arrangements

Casanova war ein guter Mann! Wer wollte dies leugnen, abgesehen von Dominique Strauss-Khan natürlich, der heutzutage alles Erdenkliche unternimmt, um den Hipstervielreisenden Venezianer als größten Lustmolch seit Menschengedenken abzulösen. Freilich, freilich, der französische Lüstling hat es ebenfalls faustdick hinter den Ohren. Nicht umsonst versuchte ihn die Staatsanwaltschaft mit aller Härte dingfest zu machen, damit der ehemalige Chef des IWF seine Triebe endlich unter Kontrolle bekam. Von 2008 bis 2011 soll dieser ausgerechnet in dem Edelhotel Carlton freizügige Partys gefeiert haben, was ihm die Weltöffentlichkeit ziemlich übel nahm. Und so landete er auf der Anklagebank, wo er sich lange Zeit verantworte. Wälzte er sich einst fröhlich-sabbernd in der Luxus-Suite, saß er nun brabbelnd und schluchzend vor Gericht, stand Rede und Antwort, bis ihn der Richter, wie die Tageszeitungen kürzlich meldeten, dann doch noch mit einem Freispruch wieder in sein verkorkstes Leben entließ.

Casanova hätte abschätzig geschmunzelt über so viel Borniertheit, mit der Strauss-Khan seine amourösen Eroberungen zu erzwingen suchte. Präsident wollte er werden und Schürzenjäger von Gottes Gnaden, ein geifernder Wicht in Personalunion. „Pfui Deibel“, hätte der gute Giacomo ausgerufen, wenn er diese angestrengten, verkrampften und widerlichen Versuche des Strauss-Khan aus der Nähe erlebt hätte. „Wer, ja wer“, hätte er gesagt, „wer zum Teufel sucht sich ein solch abgeschmacktes großbürgerliches Setting aus wie das Hotel Carlton, um den Damen den Hof zu machen“. Ja, Casanova verstand etwas von der Praxis erotischen Verführens und hatte ein Auge für besondere sozio-materielle Arrangements, innerhalb welcher er genüsslich performen konnte. Das erfahren wir jedenfalls aus den zahlreichen Erzählungen, die uns die Literaten seit dem 20. Jahrhundert hinterlassen haben. Bei ihnen tummelt er sich in Wien, reist nach Genf oder begibt sich nach Petersburg, um mit keiner geringeren zu flirten als Katharina II. Ein Schlawiner der feinsten Sorte, dieser Casanova! Umtriebig ist er wie eh und je, ob bei Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler oder Hermann Hesse. Doch er bleibt auch stets Profi. Wenn es nämlich um seine kunstvollen Annäherungspraktiken geht, überlässt er nichts dem Zufall und lässt äußerste Sorgfalt walten, zumindest was die Auswahl exquisiter Sites of the Social betrifft. Alles andere ist Routine, gentlemanlike und aus dem Ärmel geschüttelt. Dominique Strauss-Khan wäre neidisch, sofern er die Klassiker lesen würde.

Führt man sich diese zu Gemüte, fällt sofort auf, dass Casanova sein Unwesen bevorzugt in den Salons der europäischen Aristokratie treibt, wo er unter Mitwirkung bunter Menschentypen, grotesker Objekte und absonderlicher Räume die tollsten Sachen anstellt. Adel verpflichtet! Und Casanova nimmt es beim Wort. In Jeseph Gregors „Casanova in Petersburg“ (1947) stellt er sich zum Beispiel zwischen gleich vier Frauen, zu denen die Zarin genauso gehört wie die Französin Thérèse Valville, ein ehemaliges Bauernmädchen namens Zaida und – man staune – eine gewisse „Protée”. Er trifft auf einen „stiernackigen Imperatorenschädel“ wie auf einen anderen Sonderling mit „goldglänzender Riesenbrust“, die von „ungeheuren goldenen Epauletten überglänzt“ ist, und spaziert von Saal zu Saal, wo ihn gelegentlich mal die „Gestalt des verheißenden Christus“, mal die „Pallas Athene“ oder die „Augen der toten Zaren“ anschauen. Und dann spachtelt er auch noch beinahe täglich „Kaviar, Eier und Schinken zum Morgentee“ – not bad!

Hier in den kühlen Gefilden des russischen Adels findet Casanova alle exotischen Ingredienzien, die er braucht, um die Frauenwelt zu verzaubern: „Seine Maskerade erstreckte sich nicht nur auf die Sprache, die er sich bewundernswert rasch angeeignet hatte. Es trug sogar er die Russenbluse, hochelegant, schwarz und seiden. Am Halse hing ihm eine höchst auffällige Dekoration: ein Andreaskreuz aus einem einzigen, veilchenblauen Amethyst, von Brillanten umfunkelt.“ Dann aber drückt er so richtig auf die Tube und veranstaltet auch noch einen Maskenball, dem es an Skurrilitäten nicht mangelt. Beim Eintreffen der Kaiserin gibt es bombastisches Feuerwerk, es dröhnen Kanonenschüsse, und „aus einer riesigen Aureole von Strahlen löst sich die Initiale des Namens der Herrscherin“. Obwohl dicker Schnee liegt, sind die Besucher von „Garben, Palmen und Fontänen“ umgeben. Das Fest hat es in sich, und Casanova nimmt jede Gelegenheit wahr, gegen die Gebräuche seines Gastlandes zu verstoßen: „In Italien sollte Rußland an diesem Abend zu Gast sein. Es fiel daher so manchem auf, daß die nun folgende Zeremonie der Begrüßung nur kurz war, der anschließende Tee kaum eine Stunde währte und für viele nur im Stehen zu nehmen war, während nur die höchsten Herrschaften saßen, und daß man bei den Leckerbissen nicht lange verweilen konnte, was vollends den Sitten widersprach.“ Aber Casanova lässt es nicht dabei bewenden und legt nach, indem er die „Anregung der Mahlzeit und des Alkohols, den Glanz des Goldes und des Silbers, den Schimmer der Becher und Kelche, und vor allem die Fülle der Blumen“ dazu nutzt, „die Spannung noch weiterhin zu steigern“. Er rotiert das Personal nach Belieben, tischt ordentlich auf und flirtet wie ein junger Gott. Alle wissen nicht, wie ihnen geschieht, sind verwirrt und orientierungslos, nur Casanova behält als einziger den Überblick. Guter Mann, wie gesagt. Am Ende verlässt er wie immer als Sieger die Bühne, und das weibliche Geschlecht kann sich von ihm einfach nicht losreißen.

Hätte der Autor ihm eine Skinny-Jeans angezogen und einen dichten Bart wachsen lassen, wir hätten ihn sofort erkannt, den Typus, den Casanova im 18. Jahrhundert repräsentiert. So aber müssen wir schon ganz genau hinsehen und unser literaturwissenschaftliches Halbwissen bemühen, um ihn als Hipster zu entlarven, der in Bezug auf seinen Lifestyle einen enormen Wagemut beweist und seine Heldentaten in der Öffentlichkeit zum Besten gibt. Casanovas Memoiren, quasi das Weblog des 18. Jahrhunderts, erscheinen zwischen 1790 und 1798 unter dem Titel „Histoire de ma vie“ und dienen seitdem als ergiebige Goldgrube für Autoren, die mit dem Problem kämpfen, einen interessanten Stoff zu finden. Unter ihnen befindet sich auch Hermann Hesse, der in „Casanovas Bekehrung“ (1906) den Pick-Up-Artist ebenfalls auf Eroberungsreisen schickt, ihn dabei aber mit hippen Accessoires ausstattet. Der Frauenheld trägt eine „mit Steinen geschmückte goldene Uhr“, hantiert mit einem „silbernen Toilettenmesser“ und schnupft abwechselnd mal „aus einer goldenen, mal aus einer silbernen Dose“. Außerdem macht er eine bella figura in „zartseidenen Strümpfen“ und „holländischen Spitzen“, die er lässig mit „schönen Pistolen“ kontrastiert, damit sein Erscheinungsbild durch dieses feminin-viriles Crossover noch cooler wirkt. Bei den zwei Schwestern, denen er in Fürstenberg „Unterricht in der ars amandi“ gibt, scheint der gewagte Auftritt sein Ziel jedenfalls nicht verfehlt zu haben. Nicht weniger abgeklärt nimmt sich seine Herausforderung zum Duell aus, die er postalisch drei Offizieren gleichzeitig übermittelt, bevor es weiter in die Schweiz geht. So richtig hipp ist aber, dass Casanova sogar in dem sakral-spröden Kloster „Maria-Einsiedeln“ in der Nähe von Zürich, wo er am Ende seiner langen Reise verweilt, ein originelles Setting für seine seduzierende Performance erblickt, mit der er dann erwartungsgemäß für Unordnung sorgt.

Sein Blick für Chancen und Möglichkeiten, die sich aus unkonventionellen sozio-materiellen Arrangements ergeben, schärft sich im Laufe seiner Karriere dergestalt, dass er, wie in Arthur Schnitzlers „Casanovas Heimfahrt“ (1918) nachzulesen ist, immer öfter zu transgressiven Ausflügen neigt und sich in den verschiedensten Milieus ausprobiert: „an regierenden Höfen, in adeligen Schlössern, an bürgerlichen Tischen und in übelberüchtigten Häusern“. Als Aufmacher verwendet er gerne „die Geschichte seiner wunderbaren Flucht aus den Bleikammern von Venedig“, mit der er umgehend seinen Nonkonformismus demonstriert. Diesen bekommt sogar Mozart zu spüren, mit dem der venezianische Hipster laut Jesef Mühlbergers „Casanovas letztes Abenteuer“ (1931) Bekanntschaft in Prag macht. Während das junge Musik-Genie Casanova imponieren will und ihn als Vorbild für die Oper „Don Juan“ nimmt, ist der erfahrene Galan von seinem Gegenüber gelangweilt und sieht in ihm nichts anderes als einen Mainstream-Komponisten, dessen Werke „Abklatsch“ und Abglanz“ darstellen. Als es dann zu der großen Aufführung kommt, herrscht in der ganzen Stadt große Aufregung: „Alles wegen der Musik dieses Männleins, dieses Kobolds, dieses Blenders!“ Casanova aber behält die Nerven. Anstatt sich diesen niveaulosen Pop anzuhören bzw. -zusehen, geht er lieber in ein trendiges Stadtviertel, das „Klein-Venedig der Prager“, um sich voll und ganz „dem süßen Gifte südlicher Liebesabenteuer“ hinzugeben.

Die Coolness, mit der Casanova das scheinbar Erhabene degradiert; die Nonchalance, mit der er sich über die Standesgrenzen hinwegsetzt, zwischen gleich mehreren Frauen unterschiedlicher sozialer Herkunft hin und her switcht und alle gleichermaßen für sich zu gewinnen weiß, in dem selben Atemzug aber auch noch sämtliche Nebenbuhler im Duell zur Strecke bringt, verleiht ihm die Aura eines Hipsters der Superlative. Wild ist er, der Casanova, spontan und der Gegenwart verpflichtet. Er kümmert sich wenig um Moral und ist der radikalste Individualist seiner Zeit, ein einzigartiger Arrangeur von Heterogenem und Widersprüchlichem, der sowohl de- als auch rekontextualisiert und sich dadurch zu distinguieren bemüht, dass er für sein Techtelmechtel immer wieder aufs Neue einen hippen Rahmen schafft. In einer solchen Atmosphäre dauert es dann auch nicht lange, bis die Fetzen fliegen. Das macht ein Vorfall in Petersburg deutlich, wo der listige Verführer eine Liaison mit Zaida, jenem ehemaligen Bauernmädchen, einleitet und sie zu diesem Zweck im Palais aufsucht. Die Räumlichkeiten und das Ambiente, in dem die beiden liebäugeln, erinnern an bewusst trashige Hipster-Kneipen in Berlin Neukölln, die sich darum bemühen, schlechten Geschmack ironisch zu instrumentalisieren. Von einem „verwüsteten Raum“ ist die Rede, in dem Casanova inmitten von „schmierigen Tischtüchern“, „Tellern“, „Speiseresten“ und „halbleeren Flaschen“ mit seiner Geliebten unbekümmert schäkert und sich überhaupt nicht daran stört, dass die Luft „ganz geschwängert ist von übelriechendem Rauch“. In diesem ranzigen Gemäuer des Petersburger Aristokraten-Undergrounds fühlt sich der Abenteurer sichtlich wohl und zögert nicht, die Stimmung derart anzuheizen, dass die Umgarnte die Fassung verliert: „Zaida hatte eine volle Champagnerflasche, die noch in dem Kühler stak, ergriffen und mit voller Wucht gegen ihren Geliebten geschleudert, hatte ihn aber gefehlt.“

Hier ist man noch temperamentvoll, ohne viel trinken zu müssen. Doch das ändert sich um 1950 herum, als Jack Kerouac und William S. Burroughs als neue Personifikationen des „White Negro“, wie Norman Mailer den Hipster jener Zeit nannte, das Spiel der Verführung so dionysisch aufladen, dass die standardisierten sozio-materiellen Arrangements, in denen es bis dato stattfindet, zu bersten beginnen. Casanova hätte mit den Ohren nur so geschlackert. Die beiden Beatniks toben geradezu vor Abenteuerlust und sind wie ihr Vorgänger getrieben, ausgedehnte Reisen zu unternehmen. Um sich sexuell auszutoben, scheuen sie weder Mühen noch Kosten. Kein Weg ist ihnen zu lang, kein Hindernis zu groß. Jede noch so ärgste Strapaze ist ihnen willkommen. Illinois, Kalifornien, Arizona, Texas, ja selbst Mexiko, sie fahren überall hin, durchqueren ganz Nordamerika und verführen nach Strich und Faden. Allerdings brauchen sie weder Hesse noch Schnitzler, um ihre libidinösen Erfahrungen posthum in eine literarische Form zu gießen – sie machen es gleich selber. Kerouac zeichnet seinen Triumphzug in dem Roman „On the Road“ nach, der 1957 erscheint und eine ganze Generation aufrüttelt. Beschrieben wird darin, wie Kerouacs Alter Ego als begabter Partynomade dem Prinzip „Sex, Drugs ‘n’ Jazz“ folgt und es trotz Dauerdelirium immer wieder schafft, heißblütige Frauen um sich zu versammeln, die dem Rausch in gleicher Weise Lebensqualität abgewinnen. Keine Frage: auch hier wird Süßholz geraspelt, nur eben lallend. Was sich aber wesentlich ändert, sind die sozio-materiellen Arrangements, in denen der toxische Liebhaber seine Eroberungen in Angriff nimmt.

Waren es einst Immobilien, die der verführende Hipster als Rahmen für seine Aktivitäten wählte, so findet das Spiel der Verführung nun oftmals in Verkehrsmitteln verschiedener Art statt. Güterzüge, Greyhound-Busse und LKW-Pritschen erfreuen sich plötzlich großer Beliebtheit und werden zu hippen Objekten, die man in die Praxis genauso gerne einbezieht wie Drogen. Kerouac setzt vor allem auf Marihuana, von dem er nicht genug bekommen kann. In „On the Road“ muss es dann auch eine „riesige Corona-Zigarre aus dem Kraut“ sein, damit die anschließenden Ausschweifungen ihren gewohnten Gang nehmen. Wenn der Nimmersatte dann aber doch stehen bleibt, um das weibliche Geschlecht auch auf unbeweglichem Boden für sich zu begeistern, so tut er dies an so ungewöhnlichen Orten wie Zeltplätzen oder Baracken, wo er zusammen mit anderen Saisonarbeitern unterkommt. Und da der Womanizer ein Faible für Bebop hat, besucht er darüber hinaus afroamerikanische Jazz-Clubs, in denen er mit Frauen anderer Hautfarbe anbändelt – für das Amerika der 50er Jahre ein absolutes Novum. Damit involviert er in das Spiel der Verführung nicht nur neue Objekte, sondern auch neue Partizipanten, die in Casanovas Liebesabenteuer noch nicht eingebunden waren. Kerouac, der hippe Casanova der 50er Jahre, ist ein Kind seiner Zeit, die geprägt ist von Rassismus, konservativen Werten und kulturellen Einschränkungen. Gegen diese gesellschaftliche Ordnung zu rebellieren, wird zum existentiell wichtigsten Motto des verführenden Hipsters, der sich als solcher etabliert, indem er für seine Liebesabenteuer einen provokanten Rahmen schafft. Für Kerouac muss eine delikate Affäre daher immer Schock-Effekte zeitigen, sie muss das Gewohnte sprengen und in radikaler Form Unangepasstheit zum Ausdruck bringen.

Der einzige, der dies zu steigern weiß, ist William S. Burroughs. Er schockiert nicht nur die ganze Gesellschaft, sondern auch noch sich selbst bzw. seinen Organismus, der mit jedem neuen Exzess kurz vor dem Kollaps steht. Genauso wie sein Beatnik-Freund Kerouac sieht er in Alkohol und Marihuana durchaus inspirierende Stimulanzien, lässt sich aber darüber hinaus auch noch gerne von Opium, Morphin, LSD und Heroin antreiben, um bei seinen frivolen Eroberungsreisen auf Touren zu kommen. Und diese führen ihn noch viel weiter weg als Kerouac, sodass Burroughs seinen täglichen Rausch beinahe auf jedem Kontinent ausschläft. Von der Ostküste der USA geht es nach Mexiko, wo er Männer als neue Partizipanten für seine Affären gewinnt und endgültig zum vorherrschenden Hipster aufsteigt, weil er die Praktik der Verführung zu einem bisexuellen Abenteuer macht. Es ist daher nur konsequent, dass Burroughs das neue Spiel daraufhin auch in Europa etablieren möchte. Casanovas Kinder sollen sehen, was ein moderner Lustmolch zu leisten vermag. Sie sollen es hautnah miterleben, mit welcher Kreativität der hippe Verführer von heute zu Werke geht, mit welchem Distinktionswillen er das Erbe des einstigen Frauenhelden antritt und die gängigen sozio-materiellen Arrangements durcheinanderwirbelt. Nachdem Burroughs Nordamerikas kulturelle Überlegenheit in Paris, Berlin und London demonstriert hat, begibt er sich in die marokkanische Stadt Tanger, um seinen toxischen Ausschweifungen mit beiderlei Geschlecht ein exotisches Flair zu geben. Dann erst kommt die Welttournee zu ihrem Ende. Das wilde Treiben, dem er sich über Jahre widmet, verarbeitet der experimentierfreudige Beatnik in den autobiographisch grundierten Romanen „Queer“ (1952) und „Junkie“ (1953), deren Quintessenz aber „Naked Lunch“ (1959) darstellt, ein drastisches Stück Prosa, in dem Burroughs eine etwaige Vorstellung davon gibt, welch unappetitliche Formen die Exzesse auf seiner langen Tour annahmen.

Zu den Attributen des hippen Verführers, so lässt sich nun festhalten, gehören langwierige Reisen, die er dafür nutzt, sonderbare sozio-materielle Arrangements für die Performance seiner Verführungspraktik zu erschließen und dadurch einzelne Liebesabenteuer zu einem einzigartigen Kunstwerk zu gestalten. Das lässt ihn hipp wirken, daraus bezieht er seine kulturelle Überlegenheit. Er ist aber auch ein literarischer Selbstdarsteller, der seine Triumphzüge – aus diachronischer Perspektive – zunehmend fiktionalisiert. Verarbeitet Casanova seine Erlebnisse noch in authentischen Memoiren, so vermengen sie Kerouac und Burrouhgs mit fiktionalen Elementen, indem sie autobiographisch angelegte Romane schreiben. Auch der zeitgenössische Hipster schreibt – bevorzugt einen Blog –, doch wird bei ihm das Spiel der Verführung selbst zur Fiktion und findet lediglich in seinem Kopf statt, während die eigentlichen Taten in der Realität keine Entsprechung haben. Setzten Casanova und die Beatniks den Akzent noch auf die Verführung in actu und suchten nur deshalb nach einem originellen Setting, um ihre Performance zu optimieren, lenkt der Hipster der Gegenwart seine ganze Energie ausschließlich auf das sozio-materielle Arrangement, an dem er zu kneten nicht aufhört. Man beschäftigt sich so sehr mit Kleidung, schicken Cafés und anderen hippen Menschen, mit denen man interagiert, verändert und strukturiert die sozio-materiellen Arrangements so oft um, dass für die Ausübung der flirtenden Eroberungskunst keine Zeit bleibt, von strapaziösen Reisen mal ganz abgesehen. Andernorts verliert man auch ganz schnell seinen Hipster-Status und mutiert umgehend zu einem unliebsamen Touristen, den der Informationsrückstand schon nicht mehr hipp wirken lässt. Es lohnt sich ohnehin nicht, das Weite zu suchen, findet man dort doch nichts anderes vor als das, was sich einem täglich auch vor der eigenen Haustür bietet: die gleichen Hipster, die gleichen Bars und die gleichen Modeboutiquen. Überall die gleiche Chose. Ob Chicago, London, Sydney oder Stockholm, der Hipster bemüht sich überall und mit vollem Elan um eine originelle Mischung von Accessoires, Räumen und Interaktionspartnern und erzeugt doch immer wieder dasselbe: gleichförmige Individualität.

Der zeitgenössische Hipster ist zu einem Abstraktum verkommen und existiert nur noch als hegemonialer Sozialtypus ohne Substanz, zu dem jeder werden kann, der sich in ein individuell wirkendes sozio-materielles Arrangement einfügt. Ausgestorben ist vor allem die Einzigartigkeit der Person, welche Casanova und die Beatniks früher ein- und ausatmeten und dadurch dem Hipster ein Gesicht gaben. Das gilt auch für die Kunst der abenteuerhaften Verführung, die sich von hippen Settings entkoppelt hat. Deswegen findet man in der 2014 erschienen Hypter-Typologie von Kara Simsek solche Gestalten wie den „Grafikdesigner“, den „Sozial-Media-Typ“ oder den „Mode- Redakteur“, aber nicht den hippen Verführer. Ihn sucht man in Kompendien dieser Art genauso vergebens wie in der Wirklichkeit, weshalb man schon zu fiktionalen Werken wie denjenigen Schnitzlers, Hesses, Kerouacs oder Burroughs greifen muss, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie er aussieht und handelt.

Sollen wir Dominique Strauss-Khans wilde Partys daher als Versuch werten, den hippen Verführer wieder salonfähig zu machen? Man könnte es wagen. Überzeugend ist es trotzdem nicht. Denn die Wahl des Hotels Carlton lässt den erotischen Berserker alles andere als hipp erscheinen, so sehr er sich anstrengen mag. Der geschmacklose Versuch beweist einmal mehr, dass dem Hipster von heute entweder die Kunstfertigkeit des elaborierten Verführens abgeht oder die Stilsicherheit in Bezug auf das Setting. Keine Frage, wir vermissen den kompletten Hipster, das originelle Universalgenie in allen Belangen, einen windigen Schelm, den keiner so perfekt verkörpert wie der Abenteurer aus Venedig. Ohne Zweifel, es war schon ein guter Mann – der Casanova!

 

Ein Gedanke zu “Ein Casanova inmitten hipper sozio-materieller Arrangements

  1. Einmal mehr ganz großes Kino. Zwar ein wenig subjektlastig, starke Männer allesamt, bis auf diesen “Jack”, der so gerne “back” wäre. Aber ohne Situationspotenziale und entsprechend eingestellte Ko-Akteure hätte es eben auch nicht geklappt. Mehr davon.

    Thomas Alkemeyer

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