Über das Bloggen. Zwischen dem Soziologisieren der „kleinen Leute“ (de Certeau) und dem „Theaterblick“ (Bourdieu) der Großen Erzählungen

Schon bevor ich mich ans Schreiben meines ersten Blog-Eintrags machte, hatte sich mir eine zuvor eher abstrakte Einsicht als konkrete Erfahrung aufgedrängt: Das Format des Blogs nötigt Aktualität ab. Wie ließe sich in diesen Tagen ein Blog zur Genealogie der Gegenwart starten, ohne auf die schändlichen, die verstörenden Attentate von Paris einzugehen? Ihre Tragweite lässt sich kaum ermessen. Es ist häufig zu hören und zu lesen, dass sie sich als ein ähnlich einschneidendes Ereignis erweisen werden wie die Anschläge von 9/11. Jetzt wisse auch Europa um seine Verletzbarkeit. Das mag sein. Angesichts vergangener Terroranschläge etwa in Madrid im März 2004 oder in London im Juni 2005 fordert diese Einschätzung aber auch die Frage nach Aufmerksamkeitskonjunkturen heraus.

Das akademische Historisieren und Soziologisieren tut sich schwer mit Analysen gegenwärtiger Ereignisse. Es ist gewohnt, seinem Geschäft aus zeitlicher und räumlicher Entfernung nachzugehen – ohne den Druck zu prompter Reaktion. Allererst diese „scholastische“ Distanz, der „Theaterblick“ auf die soziale Welt (Pierre Bourdieu), hat dieser Form des Historisierens und Soziologisierens auch die Großen Erzählungen ermöglicht, die alle möglichen, selektiv aufgerufenen partikularen Ereignisse und Fragmente zu einem vereinheitlichenden Gesamtbild zusammenfügen, in dem sie überhaupt erst ihre Bedeutung und Identität erlangen. Man kann den Druck zur Aktualität, der vom Format des Blogs ausgeht, trefflich beklagen und darin einen weiteren Beleg für einen Beschleunigungszwang sehen, der alle Muße als Bedingung der Möglichkeit von Besonnenheit und Reflexion beseitigt. Immerhin lässt dieser Druck aber auch gewahr werden, dass neben dem akademisch institutionalisierten, professionellen Beobachten und Analysieren stets andere Formen des Historisierens und Soziologisierens existieren. Etwa im mundanen Soziologisieren der „kleinen Leute“ (de Certeau), das in ihrem soziologischen Know How, ihren Alltagskompetenzen, ihrem Situationsgespür und Rahmungswissen sich zeigt. Oder auch in den Analysen von Journalisten, die nicht selten auf professionelles Wissen und wissenschaftliche Deutungsmuster zurückgreifen, um sie auf eine kontingente Gegenwart zu beziehen und Dinge, Ereignisse und Meinungen damit ad hoc unter einem bestimmten Blickwinkel zu einer öffentlichen Angelegenheit zu machen.

In einem anregenden Beitrag über „Public Sociology“ loten Thomas Scheffer und Robert Schmidt die Möglichkeiten einer liveSoziologie aus, die allgemeine und fachliche Modi des Soziologisierens „mobilisiert und miteinander in Kontakt bringt“. liveSoziologie wahrt keine ‚scholastische’ Distanz zum Geschehen sondern setzt sich ihm aus. Sie präsentiert keine Ergebnisse und erzählt keine Großen Geschichten, sondern wirft in ad hoc-Kommentaren Fragen auf, konturiert Themen, spekuliert und experimentiert. Sie erhebt nicht den Anspruch auf abschließende Deutungen, sondern versucht Ereignisse für ein interessiertes Publikum zu erschließen, indem sie in immer neuen Anläufen – und unter dem Risiko von Abbrüchen – mit Komplexität ringt, mittels theoretischer Seh-Hilfen Dinge anders zu sehen gibt, Deutungsangebote macht, Reflexion stimuliert, Auseinandersetzungen herausfordert und sich fortlaufend selbst korrigiert. Indem eine solche Soziologie ihre Gegenstände nicht vorab handhabbar macht und darauf verzichtet, in Großen Erzählungen ihre Souveränität zu wahren, macht sie sich verletzlich. Um von den Ereignissen nicht mitgerissen zu werden, in ihnen unterzugehen, bloß mitzutun, nachzuplappern oder zu verstummen, benötigt sie Distanzierungen, aber diese Distanzierungen bleiben situativ. Sie müssen immer wieder aufs Neue errungen werden. liveSoziologie operiert gewissermaßen auf der Grenze.

Mediale Formate formulieren stets Erwartungen an die Perspektivierung und Aufbereitung des Gegenstands. Das Format des Blogs macht darauf unmissverständlich aufmerksam. Insofern veranlasst es auch dazu, sich kritisch-reflexiv mit der Formatierung der Wissensproduktion in den institutionalisierten Praktiken der Universitäten auseinanderzusetzen. Und es ist womöglich ein Format, das geradezu dazu auffordert, allgemeine und fachliche Formen des Historisierens und Soziologisierens reflexiv so aufeinander zu beziehen, dass sich nicht nur die Kluft zwischen ihnen verringert, sondern sie sich auch gegenseitig herausfordern und stimulieren und so eine eigene Arena öffentlicher (Selbst-)Reflexion erschaffen. Wir werden sehen.

In jedem Fall verlangt das Format Beweglichkeit. Seine Möglichkeiten lassen sich nur dann ausschöpfen und erproben, wenn sich seine Akteure ihren Gegenständen aussetzen, kontroverse Stimmen, Deutungen und Diskurse ‚aufsammeln’ und zur Sprache bringen, und wenn sie sich dafür interessieren, ob und wie diese sich aufeinander beziehen, zu welchen Echo- und Verstärkereffekten, aber auch zu welchen „Szenen des Dissenses“ (Rancière) es kommt. Gegenwärtig interessant sind beispielsweise die sich einstellenden Verstrebungen zwischen den verschiedenen „Spielarten des Dogmatischen“ (Carolin Emcke in der Süddeutschen Zeitung vom 10./11. Januar 2015) bei Pegida und in islamistischem Terror. Oder auch zwischen diesem und den Appellen einiger PolitikerInnen und JournalistInnen, nun sofort über drastische Reformen des Islam zu sprechen. Damit wird zu diesem Zeitpunkt ein kausaler Zusammenhang zwischen Religion und Terroranschlägen hergestellt, der der Komplexität der Sache nicht gerecht werden kann.

Obwohl die Tage der Großen Erzählungen längst gezählt zu sein schienen, erweisen sie sich als überaus hartnäckig. Auf der Folie offenbar tief in unser Denken und Fühlen eingeschriebener modernisierungstheoretischer Denkfiguren und Selbstbeschreibungen erscheint die islamische Welt ein ums andere Mal als rückständig. Dieses othering zeigt den terroristischen Islamismus als Wiedergänger eines vor-modernen Barbarentums und kündigt jede Gemeinsamkeit auf. Mit dem Effekt, dass alle Moslems dazu genötigt werden, sich – wie unser heutiger Gast im WiZeGG, Albrecht Koschorke, schreibt – „in irgendeiner Weise zum Islam (und zum Islamismus) zu verhalten, egal ob sie sich von ihm repräsentiert sehen oder nicht“. Erst dieser Bekenntniszwang formt das Bild eines ‚von uns’ grundlegend sich unterscheidenden kollektiven Akteurs und subjektiviert die sich Bekennenden als Muslime.

Umso wichtiger waren und sind die großen Demonstrationen für Gemeinsamkeit der vergangenen Tage in Paris und an vielen anderen Orten der Welt. Sie vollziehen performativ, d.h. nicht nur symbolisch, sondern auch real, eine Einheit der Unterschiedlichen. Ein großartiges Symbol. Aber diese Einheit ist doch insofern auch imaginär, als sie alle möglichen Unterschiede zeitweilig wegblendet. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis sie (erneut) aufbrechen. Entscheidend wird sein, wie eine Mehrheit mit ihnen umgeht, wie sie verhandelt werden, ob konkurrierende Sichtweise zu absoluten Gegensätzen verhärtet und ob Abstände, die ein mögliches ‚Dazwischen’ offen halten, in Differenzen verwandelt werden, die Grenzen zwischen Zugehörigen und Nichtzugehörigen fixieren.

Um einen Beitrag dazu zu leisten, Letzteres zu verhindern, benötigt ein öffentlich sich einmischendes Historisieren und Soziologisieren theoretisch-methodische Vorkehrungen, die jeder Einladung zur Vereinfachung entgegenwirken: eine Genealogie, die das Soziale als ein offenes ‚Spiel’ von Kräften zu sehen gibt, an dem sie selbst als eine Gegenkraft gegen jede Polarisierung und Verhärtung beteiligt ist.

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