„Vergegenwärtigungen: Semantiken, Gesellschafts- und Zeitordnungen von und durch Gegenwartsdiagnosen”

Abschlusskommentar zum Workshop „Gegenwartsdiagnosen. Modellierungen der Gesellschaft in interdisziplinärer Perspektive“ in Oldenburg, 08.-10.10.2015

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In meinem Abschlusskommentar möchte ich uns gewissermaßen „vergegenwärtigen“, und zwar im doppelten Wortsinne. Ich konzentriere mich dabei auf drei Punkte: Es geht mir erstens um den Zusammenhang von Gegenwartsdiagnosen und Gesellschaftsordnungen, zweitens um Gegenwartsdiagnosen als Ordnungen der Zeit sowie drittens um Semantiken und eine Narratologie von Gegenwartsdiagnosen.

1. Gesellschaftsordnungen

Zunächst zum ersten Punkt, zum Zusammenhang von Gegenwartsdiagnosen und Gesellschaftsordnungen: Was also ist überhaupt jenes „Modellieren der Gesellschaft“, das unsere Tagung im Titel trägt? Thomas Etzemüller hat diesem Modellieren am Beispiel der Rassenanthropologie nachgespürt. Ihre Gegenwartsdiagnosen war demnach auch – und nicht zuletzt – ein bürgerliches Projekt oder eines der „Mittelschicht“. „Leistung muss sich wieder lohnen“ – auf diese einfache Formel brachte zuletzt Thilo Sarrazin entsprechende Abstiegs- und Überfremdungsängste, die in der visuellen Übersetzung von Bevölkerungsstatistiken als „Urne“ oder „Pyramide“ ihre Projektionsfläche finden.

Gegenwartsdiagnosen konstruieren offenbar soziale Normen, soziale Milieus, soziale Hierarchien, ja soziale Ordnungen als Ganzes. Tobias Peter hat auf unserer Tagung daher darauf hingewiesen, dass Gegenwartsdiagnosen „Sagbarkeitsräume“ eröffnen und eben auch verschließen. Gegenwartsdiagnosen sind damit immer auch ein Instrument sozialer Exklusion, Inklusion und eben nicht zuletzt: der sozialen Distinktion. Weiterlesen

Ein Casanova inmitten hipper sozio-materieller Arrangements

Casanova war ein guter Mann! Wer wollte dies leugnen, abgesehen von Dominique Strauss-Khan natürlich, der heutzutage alles Erdenkliche unternimmt, um den Hipstervielreisenden Venezianer als größten Lustmolch seit Menschengedenken abzulösen. Freilich, freilich, der französische Lüstling hat es ebenfalls faustdick hinter den Ohren. Nicht umsonst versuchte ihn die Staatsanwaltschaft mit aller Härte dingfest zu machen, damit der ehemalige Chef des IWF seine Triebe endlich unter Kontrolle bekam. Von 2008 bis 2011 soll dieser ausgerechnet in dem Edelhotel Carlton freizügige Partys gefeiert haben, was ihm die Weltöffentlichkeit ziemlich übel nahm. Und so landete er auf der Anklagebank, wo er sich lange Zeit verantworte. Wälzte er sich einst fröhlich-sabbernd in der Luxus-Suite, saß er nun brabbelnd und schluchzend vor Gericht, stand Rede und Antwort, bis ihn der Richter, wie die Tageszeitungen kürzlich meldeten, dann doch noch mit einem Freispruch wieder in sein verkorkstes Leben entließ. Weiterlesen

Genealogie epischer Helden

Pünktlich zur diesjährigen Berlinale ist wieder eine Serie erschienen, die es in sich hat. Better call Saul, ein Spin-off der Erfolgsserie Breaking Bad, erzählt die Geschichte des Anwalts Saul Goodman, der sich von einem lausigen Strafverteidiger zum kriminellen Rechtsverdreher mausert. Amerikanische Qualitätsserien sind schon seit geraumer Zeit in aller Munde und üben stärker denn je Attraktivität aus, der sich immer weniger Fernsehzuschauer entziehen können. Aber nicht nur diese begeistern sich für die tolle Unterhaltung aus den amerikanischen Produktionsstudios, auch das Feuilleton, ja sogar die Wissenschaft widmen sich diesem Thema mit einer gewissen Emphase. Und es vergeht kaum eine Woche, ohne dass eine neue Serie die Massen an den Bildschirm lockt. Nun also auch Better call Saul. Warum dieser Hype?

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Al Capone (Polizeifoto von 1931)

Der Grund dafür, so lautet der allgemeine Tenor, ist ihr literarischer Schreibstil. Man könnte auch sagen, Qualitätsserien repräsentieren die neue Literatur, deren Spezifikum in der Doppelkodierung und in der Fähigkeit liegt, durch komplexe Figuren- und Handlungsgestaltung den Intellekt zu beanspruchen, ohne dass die Unterhaltung dabei zu kurz kommt. Qualitätsserien erfüllen also das, was Leslie Fiedler schon vor fast fünfzig Jahren gefordert hat: cross the border, close the gap! Und welcher Gegenwartsroman kann das schon von sich behaupten? Weiterlesen

“Wer nicht die Vergangenheit kennt, kann die Zukunft nicht gestalten.”

Zitat

Interview M. Thiessen… fasst der Mediziner Prof. Kohse die aktuelle Situation im Kampf gegen Seuchen zusammen. Aus kulturhistorischer Perspektive interssiert das WiZeGG-Mitglied Jun.-Prof. Dr. Malte Thießen vor allem wann und unter welchen Bedingungen sich überhaupt Aufmerksamkeitsfenster für Seuchen öffnen. Weiterlesen