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Über diesen Blog.

Hier schreiben Wissenschaftler*innen der Universität Oldenburg und Gastautor*innen darüber, wie sich Gesellschaften selbst wahrnehmen und thematisieren, sich ihrer jeweiligen Gegenwart vergewissern und dabei in die Zukunft entwerfen.

Wie stehen diese Selbstwahrnehmungen und -entwürfe mit Institutionen, Medien und Techniken zur Gestaltung von Natur, Gesellschaft und Subjektivität in Verbindung? Wie modellieren sie den lebensweltlichen Alltag und halten Menschen zu einem bestimmten Verhalten an? Wie werden diese Interventionen in das Gegebene begründet und legitimiert, aber auch kritisiert, verworfen oder unterlaufen?

Diesen Fragen, deren interdisziplinäre Reflexion eines der zentralen Anliegen des Wissenschaftlichen Zentrums „Genealogie der Gegenwart“ ist, gehen die Blogger aus unterschiedlichen Fachperspektiven und Tätigkeitszusammenhängen mit Blick auf kontrovers verhandelte Themen wie Migration, Ungleichheit, Digitalisierung, Kriminalität, Gesundheit und Ökologie nach.

16.10.2018
Projekt: Zukunft Gestalten

Zukünftig, digital

von Prof. Dr. Thomas Alkemeyer et al.

Protokollnotizen zur Zukunftswerkstatt „Digitalisierung“ am 07.09.2018,
Schlaues Haus, Oldenburg

Von Prof. Dr. Thomas Alkemeyer, Prof. Dr. Martin Butler und Dr. Julius Greve

Digitalisierung beschäftigt die gesellschaftliche Einbildungskraft. Darüber, was das eigentlich ist und was es für wen bedeutet, wird kontrovers diskutiert: „technologischer Totalitarismus“ (Schirrmacher) oder Ermöglichungsbedingung von mehr Demokratie durch soziale und politische Teilhabe?
Mit dem Ziel, über unterschiedliche Formen des Umgangs mit Digitalisierung in verschiedenen gesellschaftlichen Handlungsfeldern und die damit einhergehenden Dystopien und Utopien ins Gespräch zu kommen, fand am Nachmittag des 7. September 2018 im Rahmen der „Oldenburg School for the Social Sciences and the Humanities“ die Zukunftswerkstatt „Digitalisierung“ im Schlauen Haus (Schlossplatz 16) statt. Organisiert und moderiert von Thomas Alkemeyer, Martin Butler und Julius Greve, versammelte die Zukunftswerkstatt Personen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, die in Impulsreferaten ebenso informiert wie eindrücklich über den Einzug von Digitalisierung in ihr Berufs- und Alltagsleben berichteten: Nele Heise, (Medienwissenschaftlerin und Aktivistin, Hamburg), Jochen Meyer (Informatiker und leidenschaftlicher Self-Tracker, Oldenburg), Ira Diethelm (Professorin für Didaktik der Informatik, Oldenburg) und Andreas Fickenscher (Bäckermeister und Geschäftsführer, Fickenschers Backhaus, Münchberg).
Nele Heise positionierte sich kritisch zu sozialen Netzwerken, räumte aber zugleich ein, dass sie als Internet-Forscherin gleichermaßen auf diese angewiesen sei – sowohl im Rahmen ihrer eigenen Forschungen als auch mit Blick auf ihre Positionierung im Wissenschaftsbetrieb. Besorgniserregend fand Heise die zunehmende Auflösung der Grenzen zwischen privat und öffentlich (ein Aspekt, der auch bei den anderen drei Gästen zur Sprache kam). Daher sprach sie sich mit Nachdruck für eine intensive Reflexion ethischer Probleme unter Bedingungen der Digitalisierung aus.
Jochen Meyer vom OFFIS, einem auf computergestützte Informationstechnologien spezialisierten An-Institut der Uni Oldenburg, gewährte den etwa 25 TeilnehmerInnen der Zukunftswerkstatt augenzwinkernd Einblick in die Graphen und Diagramme seiner jahrelangen Existenz als Self-Tracker und unterstrich die Potentiale digitaler Technologien für die Gesundheitsvorsorge und –versorgung. Ein Diskussionspunkt war die Frage der Zugänglichkeit zu solchen Technologien. Denn nach wie vor ist der soziale Status ein wichtiger Einflussfaktor.
Die Oldenburger Didaktik-Professorin Ira Diethelm plädierte für „digitale Souveränität“ als Bildungsziel im 21. Jahrhundert und präsentierte die für sie grundlegenden Eckpfeiler eines solchen Programms. Angeregt diskutiert wurden sowohl das Ideal einer zukünftigen Gesellschaft, das dieses Programm orientiert, als auch die Frage, was darin eigentlich unter Souveränität zu verstehen sei: Ist es die Autonomie des guten alten europäischen Subjekts, oder nicht als die Befähigung dazu, kompetent mit den eigenen Daten umzugehen?
Andreas Fickenscher ließ das Publikum schließlich am Alltagsgeschäft seines zunehmend durchdigitalisierten Bäckereibetriebs in Münchberg, Franken, teilhaben, ein Geschäft, das immerhin bereits seit dem 17. Jahrhundert im Familienbesitz ist. Digitalisierung vereinfache zuvor analoge Arbeitsprozesse, so der Bäcker- und Konditormeister, und schaffe damit Zeit für das Wesentliche, nämlich das Backen nach traditionellen Rezepten: Digitalisierung als Medium der Rückkehr zum guten alten Handwerk. Fickenschers Prognose: Handwerksbetriebe kämen an neuen Technologien nicht vorbei, möchten sie mithalten in sich verschärfenden Konkurrenzen um die knappen Güter Geld und Aufmerksamkeit. Gerade um bestehen zu können, müssten sie aber immer auch den Blick für die Ressourcen, die Sorgen und Bedürfnisse der Mitarbeiter_innen bewahren, die mit diesen Technologien umzugehen haben. Denn ganz ohne Mitarbeiter_innen würde es auch nicht gehen.

Die gemeinsame Schlussrunde griff vor allem die in allen Impulsen gestellte Frage nach dem Verhältnis von Mensch und Technologie auf: Was macht die Technologie mit uns, und was können wir mit ihr machen? Wer handelt eigentlich, wenn Produktionsprozesse immer stärker digitalisiert werden? Was ist mit der viel beschworenen Souveränität des Menschen, wenn er sich von digitalen Daten leiten lässt? ‚Behandelt‘ digitale Technologie alle Menschen gleich, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft und ihrem Geschlecht? Schließlich: Welche gesellschaftlich bedingten Erwartungen und Verheißungen, aber auch Sorgen und Nöte, artikulieren sich in den zahlreichen Erzählungen über Digitalisierung, denen wir in Wissenschaft, Politik und Feuilleton begegnen? Fragen und Denkanstöße, die es wert sind, in weiteren Veranstaltungen aufgegriffen zu werden.

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