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Über diesen Blog.

Hier schreiben Wissenschaftler*innen der Universität Oldenburg und Gastautor*innen darüber, wie sich Gesellschaften selbst wahrnehmen und thematisieren, sich ihrer jeweiligen Gegenwart vergewissern und dabei in die Zukunft entwerfen.

Wie stehen diese Selbstwahrnehmungen und -entwürfe mit Institutionen, Medien und Techniken zur Gestaltung von Natur, Gesellschaft und Subjektivität in Verbindung? Wie modellieren sie den lebensweltlichen Alltag und halten Menschen zu einem bestimmten Verhalten an? Wie werden diese Interventionen in das Gegebene begründet und legitimiert, aber auch kritisiert, verworfen oder unterlaufen?

Diesen Fragen, deren interdisziplinäre Reflexion eines der zentralen Anliegen des Wissenschaftlichen Zentrums „Genealogie der Gegenwart“ ist, gehen die Blogger aus unterschiedlichen Fachperspektiven und Tätigkeitszusammenhängen mit Blick auf kontrovers verhandelte Themen wie Migration, Ungleichheit, Digitalisierung, Kriminalität, Gesundheit und Ökologie nach.

14.05.2020
Freier Beitrag

Klarer sehen mit Corona

von Ingerlise Andersen

Nach der Coronakrise könnte manches besser werden. Die Optimist*innen unter uns hoffen, dass eine gewisse Einsicht auf vielen Gebieten dann erreicht worden ist: Wir müssen nicht dieses Wochenende in Paris und das nächste in Lissabon verbringen, um es schön zu haben, Meetings gehen oft ohne körperliche Präsenz, auch mit dem Fahrrad kommt man voran, und es kann sogar Spaß machen, Zeit mit den eigenen Kindern zu verbringen.

Wir sind gezwungen worden, das Leben ein wenig anders zu sehen, unseren Blickwinkel leicht zu verschieben, und das ist gar nicht so ungesund. Aber manchmal werden wir auch gezwungen, in fast vergessenen Ecken zu schauen – und da entdecken wir dann Sachen, die wir lieber nicht sehen wollen, die wir dort gelagert haben, in der Hoffnung, dass sie in Vergessenheit geraten.

So erging es mir, als ich von den ersten Krankheitsausbrüchen unter den Arbeitern in den Schlachthöfen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen erfuhr. Irgendwie wusste ich ja, dass osteuropäische „Arbeitskräfte“ (ein schönes Wort, man kann fast vergessen, das sich dahinter Frauen und Männer verstecken) dafür sorgen, die Tiere zu schlachten und so aufzubereiten, dass wir sie in der Küche verzehrbar machen können. Aber wie diese „Arbeitskräfte“ leben, wo sie wohnen, womit sie ihre Freizeit verbringen, darüber habe ich wenig nachgedacht. Aufgeregt habe ich mich eher über die Zustände in Katar. Die Stadien für die Fußball-WM 2022 werden von Bauarbeitern aus Indien, Nepal und Sri Lanka errichtet; sie schuften unter lebensgefährlichen, sklavenähnlichen Verhältnissen, damit die Fußballwelt sich an Spaß, Profit und Prestige erfreuen kann. 

Sicher, in Europa, in Deutschland, sind auch Arbeitsmigrant*innen beschäftigt; wer zum Beispiel mit offenen Ohren an Baustellen vorbeigeht, hört, dass da nicht nur Biodeutsche unterwegs sind. Und es gab ja auch Fälle, wo diese Menschen um ihren verdienten Arbeitslohn geprellt wurden. Aber so krass, dass die Leiharbeiter ihr Leben aufs Spiel setzen mussten, war es wohl nicht?

Und dann wurden mehr als 150 Schlachthofmitarbeiter in Coesfeld in Nordrhein-Westfalen und fast 110 in Bad Bramstedt in Schleswig-Holstein Corona-positiv getestet. Sie hatten sich das Virus nicht aus ihren Heimatländern, meist Bulgarien oder Rumänien, mitgebracht. Sie hatten sich in den engen Sammelunterkünften, wo sie sich mit allzu vielen Kollegen zu wenige Quadratmeter und zu wenige sanitäre Anlagen teilen, angesteckt. Wie viel darauf geachtet worden ist, die Arbeiter über Seuchenhygiene und Maskentragen zu informieren, steht in den Sternen.

Sicher ist es aber, dass die Fleischfabriken ohne Arbeitsmigranten nicht so funktionieren könnten wie heute – was wohl dazu führen könnte, dass wir Verbraucher*innen mehr für das Schnitzel bezahlen müssten und dass die Betreiber der Fleischindustrie weniger verdienen würden. Das wird umso deutlicher, je mehr Schlachthöfe betroffen sind. Auch aus Baden Württemberg und Niedersachsen werden Hunderte von infizierten Arbeitsmigranten gemeldet.

In den Internetkommentaren zu den Berichten über die kranken Schlachthofmitarbeiter machte sich die Sorge breit, dass das Virus sich über das Fleisch verbreiten könnte, und viele ärgerten sich, dass die Lockerungen in den betroffenen Landkreisen verschoben werden müssen. Wie es den „Arbeitskräften“ so geht, wurde nicht hinterfragt.

Wie es um die Gesundheit der rumänischen Spargelstecher steht, die in einer großartigen Luftbrückenaktion die Saison für das Edelgemüse gerettet haben, weiß ich auch nicht. Sie dürfen ja in der Quarantäne weiter stechen, so lange sie unter sich bleiben. Hoffentlich sind sie wohlauf – denn ich esse gerne Spargel.

Und vielleicht haben wir in Zukunft weniger Probleme damit, inländische Arbeitskräfte für unbeliebte und schlecht bezahlte Tätigkeiten in Landwirtschaft und Pflege zu rekrutieren. Die Wirtschaft geht ja den Prognosen nach den Bach runter, und die Arbeitslosigkeit steigt. Gleichzeitig verpassen sozial schlecht gestellte Kinder so viel Unterricht, dass man um ihre Schulabschlüsse fürchten muss – sie brauchen dann die Jobs.

Ingerlise Andersen arbeitete bis vor kurzem als Redakteurin beim Rundfunk Berlin-Brandenburg. Kontakt: ingerlise.andersen@gmx.de

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