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Über diesen Blog.

Hier schreiben Wissenschaftler*innen der Universität Oldenburg und Gastautor*innen darüber, wie sich Gesellschaften selbst wahrnehmen und thematisieren, sich ihrer jeweiligen Gegenwart vergewissern und dabei in die Zukunft entwerfen.

Wie stehen diese Selbstwahrnehmungen und -entwürfe mit Institutionen, Medien und Techniken zur Gestaltung von Natur, Gesellschaft und Subjektivität in Verbindung? Wie modellieren sie den lebensweltlichen Alltag und halten Menschen zu einem bestimmten Verhalten an? Wie werden diese Interventionen in das Gegebene begründet und legitimiert, aber auch kritisiert, verworfen oder unterlaufen?

Diesen Fragen, deren interdisziplinäre Reflexion eines der zentralen Anliegen des Wissenschaftlichen Zentrums „Genealogie der Gegenwart“ ist, gehen die Blogger aus unterschiedlichen Fachperspektiven und Tätigkeitszusammenhängen mit Blick auf kontrovers verhandelte Themen wie Migration, Ungleichheit, Digitalisierung, Kriminalität, Gesundheit und Ökologie nach.

14.10.2016
Projekt: Gegenwartsdiagnosen

Der Gestus der Gegenwarten

von Prof. Dr. Thomas Alkemeyer

Zur Vergabe des Literaturnobelpreises an Bob Dylan

In die Musik kommt das Alltägliche, das Soziale und Politische mindestens ebenso über den Sound, über den Gestus, wie über den Text. Gestus ist etwas anderes als Stil, es ist auch nicht die Handschrift eines Künstlers, sondern die Konkretion einer gesellschaftlichen Haltung. Der Gestus von Dylans Performances entsteht im Miteinander von anspielungsreicher Musik und nöliger Stimme, von brüchiger Intonation und geheimnisvollen Texten, wie man es so zuvor noch niemals gehört hat. In diesem Miteinander werden verschiedene Herkünfte und Vergangenheiten zusammengeführt, ohne jemals harmonisch zueinander zu finden. Es ist diese zerbrechliche, immer wieder neue Fügung des Verschiedenen, in dem sich die Gesamthaltung nicht nur von Teilen einer Generation, sondern längst mehrerer Generationen sinnlich-sinnhaft verdichtet. Genau darin liegt die affektive Energie, die exemplifizierende Kraft, das ungemein Berührende dieser Kunst. Sie bringt zum Mitschwingen und lässt Gestalt werden, was diffus und unartikuliert in den affektiven Tiefenschichten des eigenen, sozialisierten Körpers verborgen ist, was sich nicht sagen, sondern ausschließlich zeigen lässt. Dylans Kunst ist eine performative Zeigekunst; sie schafft sinnliche Gestalten, die kollektive Erfahrung und kulturelles Gedächtnis gestalten.

Als ich ihn vor weit mehr als 40 Jahren das erste Mal gehört habe, ein Freund bis heute hatte aufgeregt seine erst Platte mitgebracht, war ich wie vom Donner gerührt. Es war atemberaubend, wir waren sprachlos und spürten: Ja, so ist es, nein, das ist es.
Man sagt, Dylan habe sich immer wieder neu erfunden. Aber er ist ebenso sehr immer wieder neu erfunden worden: als ein Seismograph analytisch kaum zu fassender, untergründig politischer Stimmungen und Haltungen, als ein Artikulator, der Atmosphärisches in Klänge fasst und diese zu Melodien verbindet, in denen man den Ton einer Zeit, einer Bewegung, eines Milieus entdeckt, wenn man ein entsprechendes Sensorium entwickelt und sich eingehört hat.
Ich habe gestern selbstredend Dylan gehört, sein frühes, ebenso düsteres wie lyrisches Alterswerk “Time out of Mind”. Unvordenkliche Zeiten, fortlaufend neu vergegenwärtigt. Das Nobelpreis-Komitee hätte besser nicht entscheiden können.

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