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Über diesen Blog.

Hier schreiben Wissenschaftler*innen der Universität Oldenburg und Gastautor*innen darüber, wie sich Gesellschaften selbst wahrnehmen und thematisieren, sich ihrer jeweiligen Gegenwart vergewissern und dabei in die Zukunft entwerfen.

Wie stehen diese Selbstwahrnehmungen und -entwürfe mit Institutionen, Medien und Techniken zur Gestaltung von Natur, Gesellschaft und Subjektivität in Verbindung? Wie modellieren sie den lebensweltlichen Alltag und halten Menschen zu einem bestimmten Verhalten an? Wie werden diese Interventionen in das Gegebene begründet und legitimiert, aber auch kritisiert, verworfen oder unterlaufen?

Diesen Fragen, deren interdisziplinäre Reflexion eines der zentralen Anliegen des Wissenschaftlichen Zentrums „Genealogie der Gegenwart“ ist, gehen die Blogger aus unterschiedlichen Fachperspektiven und Tätigkeitszusammenhängen mit Blick auf kontrovers verhandelte Themen wie Migration, Ungleichheit, Digitalisierung, Kriminalität, Gesundheit und Ökologie nach.

12.01.2021
Freier Beitrag

Das gesellschaftliche Imaginäre, das politische Imaginäre und die moderne Demokratie

von Heike Delitz

(oder: Was ist Public Interest Design?)

Das Folgende steht im Kontext des MA-Studiengangs Public Interest Design (PID) der Universität Wuppertal. In diesem Studiengang ist das Vorhaben, DesignerInnen auszubilden, die jenseits des Kommunikations- und Produktdesigns insofern gesellschaftlich aktiv sind, als sie – im Rahmen eines demokratischen Verständnisses des Politischen – einen Beitrag zur „Gestaltung öffentlicher Interessen“ leisten (so der Untertitel bei Rodatz/Smolarski 2018; vgl. auch die Website des Studiengangs www.pid.uni-wuppertal.de). Es geht mir nun um die gesellschaftstheoretische Voraussetzung eines solchen Vorhabens, oder um dessen gesellschaftstheoretische Klärung –genauer, geht es um das ‚gesellschaftliche und das politische Imaginäre‘ der modernen Demokratie.

Bevor ich dazu komme, mag es – angesichts des Themas der Ringvorlesung – nicht unnütz sein, eine historische Reflexion einzuschieben: Die Erfahrung, dass die Gegenwart ‚problematisch‘ und Gesellschaft gestaltbar sei, hat Reinhart Koselleck mit der Entstehung der modernen Welt verbunden: Seit der sog. Sattelzeit zwischen 1750 und 1850 seien Erwartungs- an die Stelle der Erfahrungsbegriffe getreten, unter denen ‚Gesellschaft‘ vorgestellt wird. Probleme seien nun im Blick nach vorn thematisiert worden – in der Hoffnung auf Fortschritt, in der Befürchtung eines Zusammenbrechens. Auch ist natürlich das gesamte 20. Jahrhundert voller Zukunftsängste und Gestaltungswillen.

Vor dieser Geschichte von Krise und Gestaltung ist PID ein sehr bescheidenes Vorhaben: Ausgangspunkt ist die Krisenwahrnehmung der Polarisierung und des Rückzugs auf eigene Interessen, während eine demokratische Gesellschaft das Interesse am Allgemeinen, Öffentlichen impliziere. Oder, die moderne Demokratie ist – so Claude Lefort (1999) – jene „Inform-Setzung von Gesellschaft“, in der der Konflikt um die eigene Identität institutionalisiert ist. Ich möchte diesen Begriff von ‚Gesellschaft‘ und diese Bestimmung der Demokratie genauer skizzieren, als eine, die auf den Konzepten des gesellschaftlichen und des politischen Imaginären basiert. Dabei bezeichnet das gesellschaftliche Imaginäre eine letzte Bedeutung – den vorgestellten gesellschaftlichen Grund; und das politische Imaginäre die Vorstellung einer Einheit von Gesellschaft, die eine scheinbare Position jenseits der Gesellschaft voraussetzt. Beides wird von Lefort und den mit ihm verbundenen AutorInnen – Cornelius Castoriadis, Marcel Gauchet, Chantal Mouffe – auf die moderne Demokratie bezogen, die als spezifische Form der Einheitserzeugung und Begründung von Gesellschaft erscheint. Zugleich stellt sich generell Gesellschaft als imaginäre Institution dar, als wesentlich auf – kontrafaktischen – Vorstellungen beruhende kollektive Existenz: Gesellschaftliche Identität und Einheit sind unmöglich, und gerade daher ist deren Imagination notwendig.

Das gesellschaftliche und das politische Imaginäre

Castoriadis bestimmt ‚Gesellschaft‘ als imaginäre Institution – oder, Gesellschaft wird bestimmt als „Nichtsein, das wirklicher ist als alles Sein“ (Castoriadis 1984: 191). Ausgangspunkt ist dabei das Werden, und die Selbst-Institution von Gesellschaft – jede verändert sich permanent und jede ist kontingent: „[W]as in und dank der Geschichte vorliegt“, sind das „Auftauchen neuer Gesellschaften“ und die „unaufhörliche Selbstveränderung“ jeder Gesellschaft (ebd. 314).  Alles spiele sich daher so ab, als müsse sich die Gesellschaft die Selbstveränderung und ebenso ihre Selbst-Erzeugung verleugnen. Instituiert wird eine gesellschaftliche Identität und ein gesellschaftlicher Grund – etwas, das das Kollektiv verpflichtet. Das Kollektiv instituiert sich in der Vorstellung, dass es sich einem Anderen verdankt (z. B. ‚Gott‘). Es instituiert sich in der ‚Schuld des Sinns‘ (Gauchet 1977), in einer zentralen gesellschaftlichen Bedeutung oder dem zentralen Imaginären. Dieser vorgestellte Grund ist der „einigende Faktor“ der Gesellschaft; es ist der „unsichtbare Zement, der den ungeheuren Plunder des Realen, Rationalen und Symbolischen zusammenhält, aus dem sich jede Gesellschaft zusammensetzt“ (Castoriadis 1984: 246). Diese letzten „Bedeutungen […] denotieren nichts, konnotieren aber fast alles“ (ebd.). Castoriadis verweist auf imaginäre Instanzen wie Gott, Rationalität, Nation, Volk. In der Fundierung des Kollektivs in diesen imaginären Außen wird ebenso die Einheit der Mitglieder instituiert wie deren temporale Identität. Dabei handelt es sich zugleich um eine Kulturtheorie von Gesellschaft: Imaginationen sind auf Symbolisches angewiesen (auf Körper, nicht zuletzt auf die Sprache).

In engem Zusammenhang mit dieser These, stärker auf Konflikte, Hegemonie und Partikularitäten eingehend, haben Lefort, Gauchet und Mouffe Theorien des politischen Imaginären entworfen. Das ‚politische Imaginäre‘ lässt sich als Vorstellung einer Einheit der Gesellschaft verstehen, die eine Abspaltung eines politischen Orts voraussetzt – die Institution eines ‚Ortes der Macht‘, von dem aus Gesellschaft als Einheit erscheint. Es interessiert vor allem die Weise, in der dies in der modernen Demokratie erzeugt wird. Diese erscheint als die einzige Form des Politischen, in der die Einheit und Identität der Gesellschaft einer Bestimmung immer erneut entzogen werden, weil der ‚Ort der Macht entleert‘ ist – kein Körper diesen besetzt.  Entscheidend ist auch hier ein postmarxistisches Denken, sowohl theoretisch als auch politisch. Theoretisch wird gegenüber dem Basis-Überbau-Theorem die Unbegründetheit jeder Gesellschaft festgehalten – und daher die Notwendigkeit, einen Grund zu imaginieren. Politisch ist damit die Verabschiedung des revolutionären Subjekts verbunden. Politisch verabschiedet wird damit das ‚totalitäre Abenteuer‘, zu dem der Marxismus geführt hat. Oder, politisch führt dies zur Verteidigung der Demokratie, weil jede andere Gesellschaftsform zur Besetzung des Ortes der Macht führt, zum Anspruch, die Einheit der Gesellschaft zu repräsentieren, ihre Wahrheit zu kennen. Dagegen erscheint die moderne Demokratie mit ihren politischen Diskussionen als ‚Verlust der Zeichen der Sicherheit‘: Sie erscheint als Gesellschaft, deren Einheit immer erneut durchkreuzt wird, deren Identität schwimmend, latent bleibt. Das liegt daran, dass hier der politische Konflikt konstitutiv ist und die Gesellschaft auf mindestens zwei (entgegengesetzten) Imaginären begründet ist.

Die Demokratie: Paradoxe Begründungen und Einheitsvorstellungen

Lefort zufolge ist das demokratische Paradox, dass zwar alle Institutionen weitergeführt werden, die die Monarchie kennzeichnen (es gibt eine Repräsentation, es gibt einen Ort der Macht und das Volk wird als Souverän und Subjekt vorgestellt), dass zugleich aber diese Institutionen außer Kraft gesetzt werden: „Von allen Regimes“ ist diese moderne demokratische Gesellschaft (die nach 1789) die einzige, inder eineRepräsentation der Macht eingerichtet ist, die [zugleich] bestätigt, dass sie ein leererOrt ist“. Hier wird der „Abstand zwischen Symbolischem und Realem bewahrt“ (Lefort 1999: 49f.) – der Unterschied zwischen der Behauptung, die Gesellschaft zu verkörpern und der tatsächlichen Verkörperung dieser Einheit in einer Person bleibt deutlich – gemessen an dem, was in der Monarchie (in deren Vorstellung der Heiligkeit des Körpers des Königs) vor sich ging, und gegen diese. Der Ort der Macht besteht weiter, aber er wird nur temporär besetzt. Ebenso bekräftigt der politische Diskurs permanent, dass die Macht nicht denen, die sie ausüben, gehört, dass ihre „Ausübung einen periodisch wiederkehrenden Wettbewerb erfordert“ und dass die „Autorität […] als Folge eines Ausdrucks des Volkswillens […] immer wieder neu erzeugt wird“ (ebd. 50). Zugleich wird weiter ein Souverän erzeugt, gibt es ein politisches Subjekt, das sich äußern soll, wird dessen Einheit imaginiert: Darin besteht das ‚demokratische Paradox‘. Nichts mache dieses sichtbarer als die Institution der Wahl – denn in dem Moment, in dem das Volk seine Souveränität manifestieren soll, wird dessen Substanz durch die reine „Zahl“ ersetzt (ebd. 53). Es wird aufgelöst in die einzelne Wahlstimme. An dieser Stelle schreibt Lefort (1986: 28f., dt. HD): Die „Demokratie gründet und erhält sich in der Auflösung der Zeichen der Sicherheit“. Auf der einen Seite wehrt sich also die Demokratie gegen die Wiederkehr des Fürsten – das ‚totalitäre Abenteuer‘; auf der anderen beruft auch sie sich auf ein politisches Subjekt. Die Gesellschaft nimmt nicht „nicht mehr im Körper des Fürsten Gestalt an”, aber es werden weiter fundierende ‚Subjekte‘ (Volk, Staat, Nation) ausgesagt, von denen die „soziale Identität und die soziale Gemeinschaft ihre Bedeutung erhalten“ (Lefort 1999: 60). Auch diese Gesellschaft bleibt auf der Suche nach ihrem „Fundament“ (ebd. 56).

Die Frage, welche Gestalt dieses Andere erhält, wird von Gauchet beantwortet – in einer Diskursanalyse der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789. Was bedeutet diese Erklärung? Ihre Funktion ist die Fundierung der neuen Gesellschaft – die Schaffung einer ebenso unbezweifelbaren Begründung wie die der Monarchie. Deren Legitimation durch die Tradition und die Vorstellung des heiligen Körpers des Königs war ebenso Grundlegendes entgegenzusetzen: Angesichts dieser „Vormundsgestalt, die in der Geschichte und im Glauben verwurzelt“ war, dieser Person, die die „‚vollkommene Herrschaftsform‘ verkörperte, musste die „neue Macht“ noch mehr akkumulieren. Die Heiligung des Königs wird ersetzt durch die jedes einzelnen Individuums (Gauchet 1991: 19); an die Stelle der königlichen Souveränität tritt die des Volkes. Die „Konkurrenzsituation zwischen der etablierten und der zu errichtenden Macht“ war die „Matrix des revolutionären Prozesses“, und in ihr wurzelte jene „Gründungsradikalität, deren erster Vektor die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ war. Die moderne Demokratie instituiert seither zwei letzte Gründe oder gesellschaftliche Imaginäre – die Verpflichtung durch die Menschenrechte; und die Souveränität des Volkes, die einander entgegengesetzte Politiken erfordern.

Mouffe und Laclau haben einerseits eine allgemeine Theorie von Gesellschaft oder kollektiver Identität formuliert, in der die kontrafaktische Institution einer Einheit betont wird. Die Formel lautet nun ‚Unmöglichkeit und Notwendigkeit von Gesellschaft‘: „Die Unmöglichkeit einer endgültigen Fixiertheit von Bedeutung impliziert, dass es partielle Fixierungen geben muss“, schreiben die beiden mit Derrida, und weiter: „Auch wenn das Soziale sich nicht in den intelligiblen und instituierten Formen einer Gesellschaft zu fixieren vermag, so existiert es doch nur als Anstrengung, dieses unmögliche Objekt zu konstruieren. Jedweder [gesellschaftliche] Diskurs konstituiert sich als Versuch, […] ein Zentrum zu konstruieren“ (Laclau, Mouffe 2001: 149f.), die Identität der Gesellschaft auszusagen. Zum anderen führen Laclau und Mouffe die Kategorie des konstitutiven Außen ein – Identitätsbehauptung durch Differenz (ebd. 27). Diese ist stets ein hegemoniales Projekt, der Versuch einer Position, die Einheit und Identität zu bestimmen. Drittens spricht auch Mouffe vom demokratischen Paradox, das sie nun auf die von Gauchet offen gelegten Gründe bezieht – die konträre Identitätsvorstellungen fundieren und konträre Politiken erheischen. Beide setzen jenen Konflikt in Gang, der die moderne Demokratie kennzeichnet: diese Gesellschaft formuliert ihre Identität ebenso in der „liberale[n] Tradition, die von Rechtsstaatlichkeit, der Verteidigung der Menschenrechte und dem Respekt vor individueller Freiheit“ ausgeht wie in der „demokratische[n] Tradition, deren Hauptideen jene der Gleichheit, der Identität zwischen Regierenden und Regierten und der Volkssouveränität sind“. Die Demokratie instituiert konträre Imaginäre, ihre Einheit bleibt daher umstritten – und es ist gerade der Konflikt um diese Bestimmung der eigenen Identität, der für sie zentral ist.

‚Public Interest Design‘ – Gestaltung des Interesses am Öffentlichen

Wenn der Konsens unerreichbar ist, ist das ‚öffentliche Interesse‘ unbestimmbar. Wenn die Identität einer demokratischen Gesellschaft darin besteht, im Dissens zu bestehen – so liegt dieser im öffentlichen Interesse: Mit diesen gesellschaftstheoretischen und -analytischen Überlegungen wäre das, was unter dem ‚Imaginären‘ zu verstehen ist, gerade keine vage Zukunftsvorstellung einer schönen neuen Welt. Unter dem Begriff des Imaginären geht es in dieser Tradition zum einen um die leere, nicht begründbare, alles andere begründende Instanz: den Grund oder das fundierende Außen, dem sich eine Gesellschaft verpflichtet. Zum anderen geht es – unter dem Begriff des politischen Imaginären – um die stets umstrittene Behauptung einer Einheit und Identität der Gesellschaft, die von einer Instanz aus getroffen wird, die scheinbar jenseits von ihr steht: in der symbolischen Abspaltung eines ‚Orts der Macht‘. Dieser erhält in der modernen Demokratie eine paradoxe Form: Es wird die Identität der Gesellschaft ebenso behauptet wie durchkreuzt, und es stehen sich mindestens zwei konträre imaginäre Gründe gegenüber. Was den erwähnten Studiengang – Public Interest Design – betrifft, so lässt sich nun sehen, worum es diesem gehen könnte: weniger darum, im öffentlichen Interesse zu ‚designen‘, Zukunft eigenmächtig zu gestalten, als darum, im Kontext gesellschaftlicher Polarisierungen wie auch des Rückzugs auf das Eigene das Interesse am Öffentlichen, am Streit um die gesellschaftliche Grundlage und Identität anzuregen.

Literatur

Castoriadis, Cornelius: Gesellschaft als imaginäre Institution. Entwurf einer politischen Philosophie, Frankfurt/M. 1984.

Gauchet, Marcel : La dette du sens et les racines de l’Etat. Libre 2, 1977.

Gauchet, Marcel: Die Erklärung der Menschenrechte. Die Debatte um die bürgerlichen Freiheiten 1789, Reinbek 1991.

Laclau, Ernesto/Mouffe, Chantal: Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus, Wien 2001.

Lefort, Claude: La question de la démocratie, in: Ders.: Essais sur le politique (XIXe–XXe siècles), Paris 1986.

Lefort, Claude: Fortdauer des Theologisch-Politischen? Wien 1999.

Mouffe, Chantal: Das demokratische Paradox, Wien 2010.

Rodatz, Christoph/ Smolarski, Pierre (Hg.): Was ist Public Interest Design? Beiträge zur Gestaltung öffentlicher Interessen, Bielefeld 2018.

Heike Delitz, PD Dr. phil. habil., vertritt derzeit die Professur für Vergleichende Kultursoziologie an der Kulturwissenschaftliche Fakultät der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder.

Kontakt: heike.delitz@uni-bamberg.de

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