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Über diesen Blog.

Hier schreiben Wissenschaftler*innen der Universität Oldenburg und Gastautor*innen darüber, wie sich Gesellschaften selbst wahrnehmen und thematisieren, sich ihrer jeweiligen Gegenwart vergewissern und dabei in die Zukunft entwerfen.

Wie stehen diese Selbstwahrnehmungen und -entwürfe mit Institutionen, Medien und Techniken zur Gestaltung von Natur, Gesellschaft und Subjektivität in Verbindung? Wie modellieren sie den lebensweltlichen Alltag und halten Menschen zu einem bestimmten Verhalten an? Wie werden diese Interventionen in das Gegebene begründet und legitimiert, aber auch kritisiert, verworfen oder unterlaufen?

Diesen Fragen, deren interdisziplinäre Reflexion eines der zentralen Anliegen des Wissenschaftlichen Zentrums „Genealogie der Gegenwart“ ist, gehen die Blogger aus unterschiedlichen Fachperspektiven und Tätigkeitszusammenhängen mit Blick auf kontrovers verhandelte Themen wie Migration, Ungleichheit, Digitalisierung, Kriminalität, Gesundheit und Ökologie nach.

25.03.2020
Freier Beitrag

Bedingte Solidarität. „Human-differenzierungen“ in Zeiten der Pandemie

von Thomas Alkemeyer

In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verlieh die ‚Nuklearkatastrophe‘ von Tschernobyl der soziologischen These Plausibilität, „Stand“ und „Klasse“ verlören an Relevanz: Die radioaktive Wolke schere sich nicht um soziale Unterschiede. In den folk theories des Alltags hat sich seither das Selbstverständnis, eine abstrakte Menschheit zu sein, die mit ihren Erfindungen das eigene Überleben gefährde, mit einiger Macht vor die Einsicht geschoben, eine nicht nur horizontal, sondern auch vertikal gegliederte (Welt-) Gesellschaft zu sein. Ein Ausdruck davon ist die Wahrnehmung, in einem wesentlich vom Menschen gestalteten Erdzeitalter zu leben, in dem alle Menschen unterschiedslos von den zerstörerischen Folgen dieser Gestaltung betroffen seien: ‚der Mensch‘ als Opfer seiner eigenen Gestaltungsmacht. Ein Ausdruck dieses ambivalenten Selbstverständnisses ist der Begriff des Anthropozäns. Mit diesem, um die Jahrtausendwende vom Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen geprägten, Etikett wird seit einigen Jahren ein neues, mit der „Industriellen Revolution“ anhebendes geologisches Zeitalter benannt, das vom Menschen gemacht sei. Es ist eine Bezeichnung, die dem neuzeitlich-modernen Anspruch des Menschen, Gestalter der und Herrscher über die Erde zu sein, Ausdruck verleiht und beinhaltet somit auch das Versprechen, der Mensch könne das von ihm angerichtete Unheil mit seinen technischen Kompetenzen wieder beheben. Eine solche Einsetzung des Menschen als Schöpfer und Opfer seiner eigenen Lebensumstände trägt dazu bei, das Schweigen über den dialektischen Zusammenhang von Gesellschaftsformation und Erdformation, von Gesellschaftsveränderung und Naturveränderung zu organisieren. Statt gesellschaftlicher (Macht-) Verhältnisse, Interessensstrukturen und der Rationalität der kapitalistisch organisierten Produktionsweise setzt der Ausdruck Anthropozän ‚den Menschen‘ als Urheber und Akteur sowohl des planetarischen Unheils als auch der möglichen Überwindung dieses Unheils in Szene. Ein weiterer Aspekt dieser Fixierung auf den Menschen ist die Einheitsillusion, ‚wir alle‘ seien gleichermaßen verantwortlich für wie betroffen von dem, was wir da anrichten und was mit uns angerichtet wird.

Zwar gilt das Corona-Virus in den mir bekannten Diskursen nicht als menschengemacht, aber doch auch als eine Katastrophe, die uns alle weltweit gleichermaßen betreffe und für deren Überwindung wir alle in gleicher Weise verantwortlich seien. Seit Tagen erreichen mich per Email, auf Whatsapp oder Telegram Botschaften aus allen möglichen Teilen der Welt, in denen Gemeinschaftssinn und Solidarität beschworen werden: das Virus  erfordere, dass ‚wir‘ zusammenstehen und füreinander sorgen; es spüle nicht nur Egoismus, sondern gerade auch das Gute, das Solidarische im Menschen an die Oberfläche; da wir alle betroffen seien, sollten wir auch alle gemeinsam gegen das Virus kämpfen usw. usf. Produziert und reproduziert wird das Bild einer globalen menschlichen Schicksalsgemeinschaft, die, wenn überhaupt, nur die biologischen Unterschiede zwischen Jungen und Alten und zwischen Vorerkrankten und Gesunden zu kennen scheint. Diese imaginäre Gemeinschaft wird mit vielfältigen Mitteln des Beschwörens und der Affektivierung hergestellt. So spielten vor einigen Tagen mehr als 180 europäische Radiosender als Zeichen für Solidarität und Hoffnung in diesen „schwierigen Zeiten“ zur gleichen Zeit die wohl bekannteste und populärste Fußballhymne der Welt: „You’ll never walk alone“ der Liverpooler Band Gerry and the Pacemakers. Der Moderator ‚meines‘ Radiosenders hatte eigenem Bekunden zufolge „Pippi in den Augen“: „Gänsehautstimmung“ wie im Fußballstadion, wenn die Fans ihre Schals in den Vereinsfarben hochhalten und gerade dann mit einer Extraportion Ergriffenheit für ihren Verein singen, wenn er in der Krise steckt. Der Verein, das waren nun wir alle – zumindest in Europa.

Gewiss, solche Versicherungen der Verbundenheit und des Gemeinschaftssinns können Mut machen, ein gutes Gefühl bereiten und die Hoffnung auf bessere Zeiten nähren. Oft genug berühren sie mich, derzeit allerdings nicht nur positiv. Denn irgendwie steckt in den gegenwärtigen Ausbrüchen von Mitmenschlichkeit nach meinem Empfinden auch etwas Unwahres, Falsches. Denn es trifft weder zu, dass vor dem Virus alle gleich seien, noch, dass man niemals alleine ‚wandere‘. Alles mögliche wird derzeit in den Massenmedien diskutiert – von den psychosozialen Folgen der Einschränkungen des öffentlichen Lebens und der Beschneidung von Grundrechten über die Konsequenzen der Wiederkehr strenger Grenzkontrollen im Schengenraum bis hin zur Solidarität mit Alten und Vorerkrankten. Aber mir ist bislang kaum eine Studie, kaum ein Artikel darüber begegnet, dass die ‚Corona-Krise‘ wie durch ein Brennglas hindurch auch die Folgen sozialer Ungleichheiten und Machtverhältnisse bündelt. Was weiß man eigentlich über Ansteckungsrisiken, Krankheitsverläufe, Letalitätsraten und die durchaus ebenfalls potentiell existentiellen psychosozialen Folgen staatlicher Maßnahmen in den verschiedenen sozialen Klassen und Lebensmilieus? Es ist schon ein großer Unterschied, ob man sich in großzügigen Wohnverhältnissen bewegen kann oder beengt beieinander hockt. Gibt es derzeit überhaupt ein Interesse an solchen Fragen?

Schon in guten Zeiten werden bestimmte Bevölkerungsgruppen gern übersehen. In Krisenzeiten wächst ihre Unsichtbarkeit noch. Es ginge nun zuvörderst um Menschenleben und erst danach um Gerechtigkeitsfragen, so heißt es. Faktisch bedeutet dies aber eine Ungleichbehandlung von Leben. Angesichts von Überlastung und ungenügender apparativer Ausstattung wird der Wert verschiedener Leben derzeit vermutlich nicht nur in Italien utilitaristisch unterschiedlich bemessen. Jüngere, die voraussichtlich noch viele Lebensjahre vor sich haben, erhalten die Atemgeräte, die den Alten weggenommen werden. Das ist auch in den Massenmedien gezeigt und damit sichtbar geworden – ebenso wie die unerträgliche Belastung, die solche Entscheidungen für das Krankenhauspersonal bedeuten. Unsichtbar aber bleibt bisher weithin, welche Bevölkerungsgruppen von der Pandemie direkt oder indirekt, gesundheitlich, wirtschaftlich und sozial überproportional betroffen sind, und welche sozialen Gruppen aus dem beschworenen ‚wir‘ schlicht herausfallen, weil sie in Forschung, Unternehmen und Politik nicht vertreten sind und auch deshalb in Datenerhebungen, Medienberichten, staatlichen Maßnahmen und Solidaritätsbekundungen ignoriert oder vergessen werden.

Klein- und Kleinstunternehmern aller Art sind anders als beispielsweise Menschen, die im öffentlichen Dienst beschäftigt sind und ihre Gehälter weiterhin ausbezahlt bekommen, in ihrer wirtschaftlichen und sozialen Existenz bedroht. Aber einige von ihnen haben immerhin noch eine Stimme in den Medien und in der Politik und werden dort etwa von prominenten Repräsentantinnen und Repräsentanten aus der Kreativ- und Künstlerszene vertreten. Für andere trifft das weitaus weniger zu. Die von der Bundesregierung beschlossenen „Hilfs-“ und „Rettungspakete“ für Firmen, Freiberufler, Mieter und Familien mit Einkommenseinbrüchen unterstützen viele von denen, die diese Unterstützung nun bitter nötig aber. Aber andere drohen doch auch, aus dem Wahrnehmungshorizont zu geraten und ohne staatlichen Schutzschirm zu bleiben. Zur Eindämmung der Pandemie sollen am besten alle zuhause bleiben und sich regelmäßig die Hände waschen. Was aber, wenn es kein festes Zuhause gibt wie für Obdachlose – in Berlin leben geschätzt immerhin 10.000 von ihnen. Ein in normalen Zeiten wesentlich von Ehrenamtlichen aufrechterhaltenes Netzwerk aus Hilfsangeboten für diese Bevölkerungsgruppe bricht zurzeit restlos in sich zusammen. Neue Kleidung, warme Mahlzeiten, Grundhygiene, Unterstützung bei Krankheit und Suchtproblemen – Fehlanzeige. Die Behörden sind sich der Lage wohl bewusst und man findet durchaus auch einige Berichte über den aktuellen Überlebenskampf Obdachloser in den Massenmedien, aber ein adäquates „Rettungspaket“ für sie ist (noch) nicht in Sicht. Dabei wird das Virus gerade am sogenannten unteren Rand der Gesellschaft nicht nur besonders rasant, sondern auch besonders drastisch „zur Existenzfrage“ (Die Welt).

Schon an vermeintlich evidenten Maßstäben getroffene Unterscheidungen zwischen ‚systemrelevanten‘ und anderen Berufen (und übrigens auch Wissenschaften, die Deutungshoheit haben derzeit die Virologen) implizieren Bewertungen, die dazu tendieren, auf die Menschen überzuspringen, die diese Berufe ausüben. Solche bewertenden „Humandifferenzierungen“ (Stefan Hirschauer) sind nicht ohne Brisanz. Sie tendieren leicht dazu, ein affektbesetztes gesellschaftliches Imaginäres zu befördern, in dem die Unterscheidung zwischen relevant und irrelevant eine Selbstverständlichkeit erlangt, die bei aller Beschwörung eines gemeinsamen Schicksals ‚als Menschen‘ ein Risiko für den gesellschaftlichen Zusammenhalt darstellt. Obdachlose oder auch die tausenden Geflüchteten an den Außengrenzen der EU jedenfalls scheinen in das globale ‚Wir‘ der vom Virus Bedrohten nicht im gleichen Maße und mit dem gleichen Nachdruck eingeschlossen zu werden wie andere Bevölkerungsgruppen. Sie tauchen in Berichterstattung, Politik und Whatsapp-Gruppen mehr am Rande auf. Es mag gut sein, dass das „You’ll never walk alone“ in ihren Ohren zurzeit eher geschmacklos, vielleicht sogar zynisch klingt.

Thomas Alkemeyer, Dr. phil. habil., ist Professor für Soziologie und Sportsoziologie am Institut für Sportwissenschaft der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.
Kontakt: thomas.alkemeyer@uni-oldenburg.de

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