Pressemitteilung zum Workshop “Genealogie des Subjekts”

Kurzmitteilung

Pressemitteilung zum Workshop “Genealogie des Subjekts” (01.-03.12.2015):
Wie Menschen in Europa und Japan sich selbst sehen

Experten-Workshop an der Universität – Auch verändertes japanisches Selbstverständnis nach Fukushima ist ein Thema

Oldenburg. Wie sieht der Mensch sich selbst, wie sieht er sich in Bezug auf die Welt – und welche Unterschiede gibt es diesbezüglich zwischen der europäischen und der japanischen Perspektive? Diesen Fragen nähern sich deutsche und japanische ExpertInnen aus Philosophie, Soziologie, Geschichte und Kulturwissenschaften in einem gemeinsamen Workshop an der Universität Oldenburg vom 1. bis 3. Dezember an. Veranstalter sind das Wissenschaftliche Zentrum “Genealogie der Gegenwart” der Universität und das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Oldenburger Graduiertenkolleg “Selbst-Bildungen”. Ziel ist es, Subjektivität aus genealogischer Perspektive zu betrachten, also die Entstehung von Selbst- und Weltbildern aus sozialen, geistesgeschichtlichen und kulturellen Konstellationen heraus zu untersuchen.
Die Workshop-TeilnehmerInnen – eine sechsköpfige Delegation von drei japanischen Universitäten sowie etwa 30 Oldenburger ProfessorInnen, Post-Docs und Promovierende – werden etwa Unterschiede im Kultur- und Körperverständnis erörtern. So gibt es im Japanischen kein autonomes “Ich”, schon die Sprache macht immer einen Bezug zu anderen deutlich. Die europäische Tradition der Aufklärung hingegen schreibt dem Subjekt eine größere Autonomie, eine Freiheit des Willens und Handelns zu. Der Workshop “Genealogie des Subjekts” beleuchtet in diesem Sinne die Handlungsmacht des Einzelnen, seine Einbettung in politische Hierarchien oder gesellschaftliche Konventionen ebenso wie die Befähigung, diese zu kritisieren und zu überschreiten. Auch das veränderte japanische Selbstverständnis nach der Atomkatastrophe von Fukushima 2011 wird Thema sein.
Die Kooperation zwischen den Universitäten Oldenburg und Sendai (Japan) besteht seit 2010, initiiert vom Oldenburger Soziologen und Sportsoziologen Prof. Dr. Thomas Alkemeyer und dem japanischen Delegationsleiter Prof. Keiichi Komatsu, Philosoph und Kant-Experte an der Sendai University. Zum Auftakt des Workshops wird der Oldenburger Universitätspräsident Prof. Dr. Dr. Hans Michael Piper die japanischen Gäste begrüßen. Neben dem wissenschaftlichen Austausch zwischen beiden Universitäten existiert ebenfalls ein Studierendenaustausch.

Kontakt:
Dr. Nikolaus Buschmann, Tel.: 0441/798-4690, E-Mail: nikolaus.buschmann@uni-oldenburg.de
Rea Kodalle, Tel.: 0441/798-5481, E-Mail: rea.kodalle@uni-oldenburg.de

Workshop „Genealogie des Subjekts“

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Workshop „Genealogie des Subjekts“

Subjektivität aus genealogischer Perspektive zu betrachten, bedeutet seine Entstehung aus sozialen, geistesgeschichtlichen und vor allem auch kulturellen Konstellationen heraus zu untersuchen. Diesem Verständnis folgend soll in dem Workshop nach dem Wechselverhältnis europäischer und japanischer Perspektiven auf Subjektivierungsverständnisse gefragt werden. Die philosophische Geschichte und der Begriff von Subjektivität werden vorgestellt und an empirischen Themen wie dem jeweiligen Kultur- und Körperverständnis ausgeführt. Auch die Veränderung des japanischen Selbstverständnis nach der Katastrophe von Fukushima wird hinterfragt.

Der Workshop findet vom 01. bis zum 03.12.2015 statt.

Es wird um ANMELDUNG unter wizegg@uni-oldenburg.de gebeten.

 Weiter Informationen entnehmen Sie bitte dem Programm.

„Transgenerationalität. Entwürfe und Gegenentwürfe zu einem Mechanismus der kulturellen Weitergabe“

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„Transgenerationalität. Entwürfe und Gegenentwürfe zu einem Mechanismus der kulturellen Weitergabe“

Ein von Prof. Dr. Johann Kreuzer und Bianca Pick organisierter Workshop.

  • mit Dr. Ulrike Jureit (Hamburger Institut für Sozialforschung) und PD. Dr. Christian Schneider (Universität Kassel, Institut für Psychoanalyse)
  • am 25.11.2015, 9:30-13:00 Uhr in Raum A3 1-109 (DFG-GRK “Selbst-Bildungen”)
  • Anmeldung erforderlich bei Bianca Pick (Bianca.Pick@uni-oldenburg.de)

„Generationenforschung konnte in den letzten zehn Jahren vor allem durch den interdisziplinären Austausch in theoretischer wie konzeptioneller Hinsicht an Substanz gewinnen. Ungeachtet gravierender fachlicher Unterschiede ist der Generationenbegriff mittlerweile ein wissenschaftlicher Grundbegriff, auf den trotz einer gewissen Unschärfe immer wieder gern zurückgegriffen wird. Hinsichtlich der theoretischen Grundannahmen kommt der Vorstellung transgenerationeller Prozesse und ihrem Transfer in andere Fachdisziplinen und Forschungskontexte eine besondere Relevanz zu. Analytisch war und ist das nicht nur vorteilhaft. Die Komplexität eines transgenerationellen Konzeptes, das im »Drama des Ödipus« eine konflikthafte generationelle Verstrickung mit Wiederholungszwang identifiziert, verkümmert regelmäßig zu einer Prägungstheorie, die sich zudem aus ihrem therapeutischen Setting kaum zu lösen vermag. Zu fragen wäre, ob in der Differenz zwischen der Analyse von Eltern-Kind-Interaktionen und einer kulturgeschichtlich orientierten Generationentheorie ein gesellschaftstheoretischer Mehrwert liegt, der auch fachübergreifend von Interesse wäre. Hiervon könnten auch die doch weitgehend ausgereizten Ansätze zur kulturellen Gedächtnistheorie und zur intergenerationellen Tradierung von Geschichtsbewusstsein profitieren. Aufschlussreich scheint zudem die Frage, warum Transgenerationalität als kulturelles Transferkonzept vor allem im Kontext der Holocaustforschung seine enorme Attraktivität entfaltete.“

Textgrundlage (wird von Bianca Pick an alle Angemeldeten verschickt)
Schneider, Christian (2004): Der Holocaust als Generationsobjekt. Generationengeschichtliche Anmerkungen zu einer deutschen Identitätsproblematik. Mittelweg 36(13), 56-73.

Am Vorabend des Workshops trägt PD Dr. Christian Schneider im Rahmen der Ringvorlesung “Prozesse der Anerkennung” des DFG-GRK “Selbst-Bildungen” vor.

VORTRAG
„Die Lebenden und die Toten“
24.11.2015, 18:00 Uhr BIS-Saal

“Das Ideal aller Anerkennungsprozesse ist eine auf vollkommener Wechselseitigkeit der Partner beruhende kommunikative Symmetrie. Ich möchte zwei asymmetrische Kommunikationsprozesse in den Blick nehmen, die gleichwohl nicht vollständig ohne den Aspekt der Wechselseitigkeit auskommen. Zum einen den Dialog zwischen dem Erwachsenen und dem Kind; zum anderen möchte ich dem Problem nachgehen, ob ein Anerkennungsdiskurs sui generis über die Lebensgrenze hinaus denkbar sei.
Trauer ist in der Psychoanalyse als Akt der Anerkennung eines Verlusts konzipiert. Die Trauer um einen Verstorbenen besteht wesentlich darin, Stück für Stück die Besetzung von ihm als signifikantem Objekt abzuziehen und damit psychisch den Verlust zu ratifizieren. Freud hat diesen Prozess in ein enges Korsett von Arbeit („Trauerarbeit“) eingebunden, das die dialogische Seite dieses Prozesses weitgehend außer Acht läßt.
In meinem Beitrag versuche ich, die Möglichkeiten und Aporien zu diskutieren, die entstehen, wenn man den kommunikativen Gehalt des Trauerns als besondere Form eines dialogischen Anerkennungsprozesses versteht, der das Problem der Intersubjektivität vom Paradigma der leibhaft lebendigen Wechselseitigkeit ablöst.”

Ringvorlesungen und Workshops im Wintersemester 15/16

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Ringvorlesungen und Workshops im Wintersemester 15/16

In diesem Wintersemester veranstaltet das WiZeGG gemeinsam mit dem DFG-Graduiertenkolleg “Selbst-Bildungen” eine Ringvorlesung, zu der jeweils abends von 18:00-20:00 Uhr in den BIS-Saal der CVO Universität eingeladen wird.

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Die Workshops sind im Wintersemester an die Ringvorlesung “Genealogie der Gegenwart”gekoppelt, das heißt alle GastreferentInnen halten an dem ersten Tag Ihres Aufenthalts einen öffentlichen Vortrag und vertiefen am zweiten Tag ihren Ansatz in Form eines Workshops. Während die Vorträge einer eher überblicksartigen Einführung in Forschungsgegenständ und -perspektiven dienen, stehet in den Workshops die konkrete Vorgehensweise im Zentrum. Hier werden an den jeweiligen Gegenständen methodische Fragen erörtert, eine gemeinsame Begriffsarbeit vorgenommen und sich mit Material (Bilder, Fotos, Dokumente, Videos) auseinandergesetzt.

Die Workshops richten sich primär an die Angehörigen und Mitglieder des Zentrums sowie an die TeilnehmerInnen des WiZeGG-Kolloquiums.

Das Programm der Ringvorlesung kann auch hier heruntergeladen werden: Programm Ringvorlesung

„Vergegenwärtigungen: Semantiken, Gesellschafts- und Zeitordnungen von und durch Gegenwartsdiagnosen”

Abschlusskommentar zum Workshop „Gegenwartsdiagnosen. Modellierungen der Gesellschaft in interdisziplinärer Perspektive“ in Oldenburg, 08.-10.10.2015

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In meinem Abschlusskommentar möchte ich uns gewissermaßen „vergegenwärtigen“, und zwar im doppelten Wortsinne. Ich konzentriere mich dabei auf drei Punkte: Es geht mir erstens um den Zusammenhang von Gegenwartsdiagnosen und Gesellschaftsordnungen, zweitens um Gegenwartsdiagnosen als Ordnungen der Zeit sowie drittens um Semantiken und eine Narratologie von Gegenwartsdiagnosen.

1. Gesellschaftsordnungen

Zunächst zum ersten Punkt, zum Zusammenhang von Gegenwartsdiagnosen und Gesellschaftsordnungen: Was also ist überhaupt jenes „Modellieren der Gesellschaft“, das unsere Tagung im Titel trägt? Thomas Etzemüller hat diesem Modellieren am Beispiel der Rassenanthropologie nachgespürt. Ihre Gegenwartsdiagnosen war demnach auch – und nicht zuletzt – ein bürgerliches Projekt oder eines der „Mittelschicht“. „Leistung muss sich wieder lohnen“ – auf diese einfache Formel brachte zuletzt Thilo Sarrazin entsprechende Abstiegs- und Überfremdungsängste, die in der visuellen Übersetzung von Bevölkerungsstatistiken als „Urne“ oder „Pyramide“ ihre Projektionsfläche finden.

Gegenwartsdiagnosen konstruieren offenbar soziale Normen, soziale Milieus, soziale Hierarchien, ja soziale Ordnungen als Ganzes. Tobias Peter hat auf unserer Tagung daher darauf hingewiesen, dass Gegenwartsdiagnosen „Sagbarkeitsräume“ eröffnen und eben auch verschließen. Gegenwartsdiagnosen sind damit immer auch ein Instrument sozialer Exklusion, Inklusion und eben nicht zuletzt: der sozialen Distinktion. Weiterlesen

Diagnostizieren und Therapieren

Notizen zum Workshop „Gegenwartsdiagnosen – Modellierungen der Gesellschaft in interdisziplinärer Perspektive“

Von Eckehart Velten Schäfer, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Was ist „Gegenwart“? Darauf hat zumindest die GWD Poster TürNeurowissenschaft eine klare Antwort: Ein Zeitraum von jeweils 2,7 Sekunden. Schwieriger wird es, wenn sich die Frage an die Philosophie, Geschichts-, Sozial- oder Kulturwissenschaft richtet. Meist ist mit Gegenwart dann eine Epoche oder ‚Zeit’ gemeint, in die die Gesellschaft jüngst eingetreten sei und die dann oft durch Bindestrichkonstruktionen charakterisiert wird. Solche „Gegenwartsdiagnosen“ – „Risiko-“ oder „Erlebnis-“, „Wissens-“ und „Kontroll-“ oder auch „Kreativgesellschaft“, um ein paar zu nennen – sind einmal für die Wissenschaften selbst bedeutend: Sie machen diese sozial relevant, indem sie Tendenzen, die der nichtakademische Alltagsverstand verzeichnet, aufgreifen, verdichten und an denselben zurückgeben. Sie sorgen für wissenschaftliche Dynamik wie auch gesellschaftlichen Wandel, wenn sie Diskussionen entfachen und Praktiken initiieren. Wenigstens aber dienen sie der Arbeitsbeschaffung, indem sie die Möglichkeit schaffen, alle Bücher noch einmal zu schreiben. Schon daher ist es laut Käte Meyer-Drawe (Bochum) typisch für sie, Wandel zu „dramatisieren“ und „das Überdauernde“ zu „bagatellisieren“. So lassen sich ‚Pathologien‘ aufzeigen und ‚Therapien‘ verordnen, auch wenn vielleicht gar keine ‚Revolution‘ stattfindet und kein ‚Strukturproblem‘ besteht. Ganz in diesem Sinne hielt Herbert Mehrtens (Braunschweig) entgegen so mancher Diagnose vom kreativ-impulsiven Arbeitssubjekt der Postmoderne an der „Rationalisierung“ als bis heute sozial dominierendem Dispositiv fest. Weiterlesen

Wie wir unsere Gegenwart beschreiben und was das auslöst

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Workshop: Wie wir unsere Gegenwart beschreiben und was das auslöst

Interessierte können sich für Workshop anmelden

Oldenburg. Einwanderungsgesellschaft, Technikgesellschaft, Kreativgesellschaft, Risikogesellschaft und viele mehr – je nach Blickwinkel lässt sich die Gegenwart mit ganz unterschiedlichen Begriffen bezeichnen. Der Frage, welche Beschreibungsversuche es gibt und wie diese wiederum unsere Wahrnehmung und Gestaltung der gesellschaftlichen Wirklichkeit beeinflussen, widmet sich ein Workshop der Universität Oldenburg vom 8. bis 10. Oktober.
Zwölf hochkarätige ReferentInnen aus Natur-, Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften sind bei dem Workshop „Gegenwartsdiagnosen – Modellierungen der Gesellschaft in interdisziplinärer Perspektive“ im Schlauen Haus (Schlossplatz 16) zu Gast. Dazu zählen unter anderem die Oldenburger Politologin und Philosophin Prof. Dr. em. Antonia Grunenberg, der Soziologe Prof. Dr. Frank Hillebrand (Fernuniversität Hagen), Erziehungswissenschaftlerin Prof. i. R. Dr. Käte Meyer-Drawe (Universität Bochum), der Hildesheimer Philosoph Prof. i. R. Dr. Tilman Borsche und Prof. Dr. Hans-Jörg Rheinberger vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte Berlin. Das Ziel der OrganisatorInnen vom Wissenschaftlichen Zentrum Genealogie der Gegenwart (WiZeGG): Im interdisziplinären Austausch sollen innovative Fragestellungen und Forschungsansätze erörtert werden, um sich diesem bisher kaum oder nur von einzelnen Disziplinen bearbeitetem Forschungsfeld zu nähern. Für den dreitägigen Workshop können sich Interessierte unter wizegg@uni-oldenburg.de anmelden.
Das WiZeGG der Universität Oldenburg wurde im Sommer 2013 unter Federführung von Prof. Dr. Thomas Alkemeyer gegründet. Seine Mitglieder aus Human- und Gesellschaftswissenschaften, Sprach- und Kulturwissenschaften sowie Bildungs- und Sozialwissenschaften analysieren interdisziplinär die kulturellen Formen gesellschaftlicher Selbstproblematisierung.

Kontakt: Rea Kodalle, WiZeGG, Tel.: 0441/798-4849, E-Mail: wizegg@uni-oldenburg.de

 Link zur Pressemeldung auf uni-oldenburg.de

„Gegenwartsdiagnosen. Modellierungen der Gesellschaft in interdisziplinärer Perspektive”

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Workshop an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, 8.–10. Oktober 2015

Unter den Schlagworten der „Kontrollgesellschaft“, der „Normalisierungsgesellschaft“, der „Kreativgesellschaft“ oder der „Kontingenzgesellschaft“ – um nur einige zu nennen – ringen derzeit eine Fülle von Gegenwartsdiagnosen um Deutungsmacht in der Aufmerksamkeitsarena der „reflexiven Moderne“ (Beck), die wiederum selbst eine solche Diagnose darstellt. Indem Gegenwartsdiagnosen paradigmatische Aussagen über die Wirklichkeit treffen, geben sie diese nicht nur als Wirklichkeit, sondern auch als eine bestimmte Wirklichkeit zu erkennen. Beglaubigt durch die wissenschaftliche Autorität, mit der sie aufgeladen sind, prägen sie als symbolische Repräsentationen des „gesellschaftlich Imaginären“ (Castoriadis) die soziale Praxis immer schon mit. Weiterlesen

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„Verletzt und zersetzt: ein Gespräch über Praktiken der Aussöhnung”

Podiumsdiskussion

Podiumsgäste:
Prof. em. Dr. Klaus-Michael Kodalle (Philosoph, Jena)
Dr. Martin Morgner (Historiker, Schriftsteller, Halle/Saale)

Moderation:
Prof. Dr. Dagmar Freist (Historikerin, Oldenburg)

Nachdenken über Aussöhnung im Kontext der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts – das ist herausfordernd. Denn die Ansprüche der Opfer sind nicht deckungsgleich mit den Interessen der ‚Anderen‘. Redet man vom Verzeihen als „Mitte der Ethik” (Kodalle, Verzeihung denken, 2013), hat man den moralischen und politischen Neubeginn im Blick. Aber Versöhnung lässt sich nicht einfordern. Der Geschädigte kann sich den Verzeihungserwartungen verweigern. Während nach einem Systemwechsel die Gesellschaft an einer möglichst raschen ‚Normalisierung‘ interessiert scheint, ringen die Opfer des Staatsterrors um die gesellschaftliche Anerkennung des ihnen zugefügten Leids. Die Rede von Versöhnung erscheint dann leicht als Verharmlosung. Am Faktor Zeit ist das zu verdeutlichen: Ein Opfer benötigt für die individuelle Bearbeitung seiner Beschädigungen / Traumata womöglich mehr Zeit als die schnell vergessende bzw. verdrängungswillige Mitwelt zuzubilligen bereit ist. Prozesse der Aussöhnung sind also von starken Gegensätzen geprägt. Die Kultur des Erinnerns und die Politik des Gedenkens sollen diese abgründigen Differenzen kompensieren oder erträglich machen.

Genau an diesen Spannungen und Diskrepanzen arbeitet sich die Literatur ab. Opfern bietet sie ein Forum, die subtilen Prozesse der Selbst-Heilung zum Ausdruck zu bringen. Mit Bezug auf die Erfahrungen in und mit der DDR liegen zahlreiche Bücher und Filme vor. Einen ganz eigenen Weg beschreitet der Gast des Kollegs Martin Morgner in seinem Buch Zersetzte Zeit (2015). Hier steht, was der Überwachungsstaat in Aktenvermerken und Protokollen über ihn festhielt, neben den kreativen Texten von ihm. Dadurch wird sichtbar, wie ein Subjekt, das zum Beobachtungsobjekt des Staates wurde, mit den Zersetzungsangriffen auf seine Person zu ringen hat, um mit der Zeit im Schreiben sein Selbst wiederzugewinnen und herauszubilden: Zusammensetzen des Zersetzten (Morgner, 2014). Ist Aussöhnung durch Selbst-Bildung möglich? Das wird eine der vielen Fragen sein, die im Gespräch zu klären sind.

Datum: 14.07.2015
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Schlaues Haus

„Schuld in der Geschichte. Die ‚Funktion‘ von Verzeihung im Spannungsfeld von Erinnern, Verdrängen, Vergessen”

Kurzmitteilung

Workshop mit Prof. em. Dr. Klaus-Michael Kodalle

„Schuld in der Geschichte. Die ‚Funktion‘ von Verzeihung im Spannungsfeld von Erinnern, Verdrängen, Vergessen”

Seit der Antike wird über das Verzeihen in unterschiedlichen kulturellen Kontexten nachgedacht. Das Christentum hat kein Deutungsmonopol, wenngleich es anfänglich kräftige Akzente setzte. In der neuzeitlichen Philosophie haben sich Hegel und Kierkegaard in prägender Weise dem Verzeihen gewidmet und dabei auch die Untiefen des Verzeihungsverständnisses nicht vernachlässigt. Das Profil des Begriffs ist im Spannungsfeld von Moral und Recht zu erörtern. Gibt es das Unverzeihliche? Hat das Verzeihen ‚seine‘ Zeit? Gerade im Bann der Staatsverbrechen und ihrer ‚Bewältigung‘ im 20. / 21. Jahrhundert bricht auch die Frage auf: Lässt sich die kollektive Festlegung auf ‚Aussöhnung‘ oder ‚unverzeihliche Schuld‘ mit der individuellen Perspektive des Opfers / des Überlebenden harmonisieren? Wer hat hier ‚Recht‘? Kann es darauf eine allgemeinverbindliche Antwort geben? Diskussionsgrundlage bildet Klaus-Michael Kodalles Verzeihung denken. Die verkannte Grundlage humaner Verhältnisse (2013).

Datum: 14.07.2015
Zeit: 10-16 Uhr
Ort: A03 1-109

Ihre Anmeldung richten Sie bitte an Bianca Pick unter folgender E-Mail-Adresse: bianca.pick@uni-oldenburg.de