“Selbsterzählungen der Moderne”, Vortrag des Leibnitz-Preisträgers A. Koschorke

“Selbsterzählungen der Moderne” (13.01.2015, 18.15 Uhr, BIS-Saal)

Vortrag des Leibnitz-Preisträgers Prof. Dr. Albrecht Koschorke (Konstanz)

Man übertreibt nur wenig, wenn man sagt, dass Genealogien das Gegenteil von dem tun, was sie zu tun behaupten. Ihrem Anspruch nach verankern sie die Gegenwart in der Tiefe einer Vergangenheit, die unbestreitbar und unvordenklich sein soll. Faktisch aber werden Genea­logien von der jeweiligen Jetztzeit her konstruiert, so dass die Vergangenheit, nicht die Gegen­wart als abhängige Variable zu gelten hat. In diesem Sinn hat sich auch die Moderne mit genealogischen Selbsterzählungen versehen. Sie porträtiert sich darin wahlweise als eine Epoche, die von ihren Ursprüngen wegstrebt und mit ihnen bricht, oder als eine ursprungs­vergessene, des Ursprünglichen verlustig gegangene Phase der Menschheitsentwicklung. Die letztere, pessimistischere Version ist durch Begriffe der Krise, der Entzauberung und – neuerdings – der Kontingenz gekennzeichnet. Anders als Genealogien dies gemeinhin tun, scheint sie weniger auf Geltungssicherung als auf die Delegitimation der eigenen Zeit ab­zuzielen.

Das Anliegen des Vortrags wird darin bestehen, der Eigenlogik solcher genealogischer Kon­struktionen nachzuspüren. Dabei wird insbesondere die Frage zu stellen sein, warum es für die Modernen unserer Tage so wichtig ist, ihre Lebensverhältnisse als „kontingent“ zu be­schreiben.

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