Flucht, Sex, Diskurs. Gastrede im Rahmen des Neujahrsempfangs der Stadt Bremen, 13. Januar 2016

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Sieling,
sehr geehrte Persönlichkeiten,
sehr geehrte Gäste,

ich wünsche Ihnen, aber noch viel mehr den Menschen auf dieser Welt, die auf Grund existenzieller Not auf der Flucht sind, dem, wie der bekannte Soziologe Zygmunt Bauman formuliert, Abfall der Weltordnung, ich wünsche uns ein einigermaßen gutes Jahr 2016.

Knapp 60 Millionen Menschen sind gegenwärtig auf der Flucht und alle Prognosen, die ich kenne, verweisen darauf, dass die Zahl zukünftig steigen wird. Von diesen 60 Millionen sind mehr als die Hälfte unter 18 Jahren alt. 86% dieser 60 Millionen fliehen in sogenannte Entwicklungsländer und leben dort unter existenziell bedrohlichen Verhältnissen.

60 Millionen Menschen. Ich wünsche diesen Menschen ein einigermaßen erträgliches Jahr 2016 und denke, dass es in der Verantwortung jener, die, wie wir, Sie und ich, das unverschuldete Privileg haben, ein im globalen Maßstab einigermaßen einkömmliches Leben zu führen, dass es in unserer Verantwortung liegt, bescheidener zu werden. Bescheidener zu werden im Auftreten (und das sage ich nicht nur in Richtung der zünftigen Performance von CSU-Politikern, aber auch in diese Richtung) und bescheidener zu werden im Tun. Das ist mein Wunsch für 2016: Dass diejenigen wie wir, die geopolitisch, im globalen Maßstab unverschuldete privilegiert sind, ernsthaft versuchen, bescheidender zu werden. Slogan: Bescheidenheit statt Wachstum. Ich komme darauf zurück.

Ein einigermaßen erträgliches Jahr 2016. Das wird es für die Mutter und den Vater von Mohamed kaum. Mohamed – wie Sie vermutlich noch wissen und im Zuge der kollektiven Aufgebrachtheit auf Grund der Ereignisse in der Silvesternacht zu Köln noch nicht vergessen haben, ich komme auf diese Nacht noch zurück – ist vier Jahre alt geworden. Er ist mit seiner Familie aus Bosnien geflohen. Er wurde am 1. Oktober vom Gelände des Berliner Landesamtes für Gesundheit und Soziales entführt, mehrfach sexuell missbraucht und erdrosselt. Der Täter ist ein nordländisch aussehender, mutmaßlich dem christlichen Kulturkreis zuzurechnender 32jähriger Brandenburger, der zugegeben hat, auch den sechsjährigen Elias im Juli letzten Jahres ermordet zu haben. Ich komme darauf und auch auf meine Kennzeichnung des Täters als nordländisch aussehend und vermutlich dem christlichen Kulturkreis entstammend zurück. Hier aber schon die Botschaft: Die Kennzeichnung ist nicht nur unangemessen, sondern auch gefährlich.

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