Trump und die „Bewegung“

Sich als „Bewegung“ inszenierende politische Strömungen sehen sich, sobald sie Staat geworden sind, mit dem Problem konfrontiert, die Dynamik, die sie freigesetzt haben, wieder einhegen zu müssen. Ansonsten droht den ehemaligen „Führern“ der Bewegung und ihrem Apparat die Gefahr, nun selbst von dieser Dynamik mitgerissen und weggespült zu werden. Hitler und die NSDAP beispielsweise hatten dieses Problem zu ‚managen’. Der Röhm-Putsch von 1934, die Abkehr vom völkischen Thingspiel hin zu traditionellen Form des Theaters oder auch die Durchsetzung einem monumentalen, staatstragen Klassizismus in der öffentlich-repräsentativen Szenerie des „Dritten Reiches“ waren Ausdruck und Vollzugsformen dieses Managements. Mit dem Ende der Zeit der Bewegung und des Aufbaus stand nicht mehr die Mobilisierung der Massen auf dem Plan, sondern ihre Integration und Ruhigstellung. Man kann diesen Stimmungswechsel bis ins Detail der Performanzen Hitlers hinein beobachten: Als Verkörperung der „Bewegung“ agiert er in der Pose des gegen die Väter Weimars – das Establishment – rebellierenden Sohnes; er schreit und pöbelt mit sich überschlagender Stimme pubertär, reckt den Oberkörper angriffslustig nach vorn, gestikuliert bedrohlich. Wenig später, als Staatsoberhaupt, gibt er den Vater: die Stimme wird ruhiger, das Verhalten gesetzter, die Haltung statischer. Wer die Rede Trumps nach seiner Wahl beobachtet hat, konnte Ähnliches beobachten: Gerade noch ungezogen pöbelnder Tabubrecher, führt er nun das väterliche Staatsoberhaupt auf – ruhig, einladend, mit wohl dosierten Lippenbewegungen statt aufgerissenem Mundwerk. Ein amerikanischer Arturo Ui.

A gray day in America

Email von unserem Freund und Kollegen Jürgen Streeck (Austin, Texas)

Ihr Lieben,

es ist ein grauer Tag in Austin. Über der Stadt liegen tiefe Wolken, gestern ist es kalt geworden, und es nieselt unablässig. Der Campus ist leer, und man sieht in dieser jungen und optimistischen (und heute gähnend leeren) Stadt außer ein paar lachenden weißen Frauen nur graue Gesichter. Auf dem leeren Campus stehen weinende Gruppen von Studenten herum, und viele haben Angst. Aus meinem graduate seminar hat sich mehr als die Hälfte krank gemeldet und ich habe es ausfallen lassen. Mein deutsch-schweizer Freund Peter und ich wollten eigentlich zur großen Siegesparty der demokratischen Partei ins Driskill Hotel gehen, sind dann aber wegen des strömenden Regens—und dann wegen der eintreffenden Ergebnisse—zu Hause geblieben. Peter ging um zehn weinend nach Hause.

Meine Reaktion war paradoxer, was ich selbst nicht ganz verstehe. Mit grimmigem Zynismus und beinah ein wenig amüsiert dachte ich, mit meinem Nachwuchs und meinen Studenten vor Augen: du weisst, wo du stehst und was du zu tun hast. Jetzt bloß keine Panik. Wie es der Zufall will, stehen morgen in meiner großen Hip-Hop-Vorlesung, in dem viele schwarze und Latino-Studenten sind, aber sicher auch Trump-Wähler, Rassismus und Black Lives Matter auf dem Programm. Da ist meinerseits doch Ruhe angesagt, irgendwoher muss die jetzt kommen. (Ich bin mir sicher, dies ist nur das erste Kübler-Ross-Stadium, das der Verleugnung.) Mich hat das Wahlergebnis letztlich nicht überrascht: an dem Rassismus vieler weißer Amerikaner konnte kein Zweifel bestehen, an dem der republikanischen Partei auch nicht, und Hillary Clinton ist mit ihrer Selbstgewissheit, dass ihr dieses Amt zusteht, auch schon lange vielen auf die Nerven gegangen. Sie hat die Wahl, wie Ihr sicher alle gelesen habt, bei den Afro-Amerikanern und den Latinos verloren, von denen sie auch meinte, die stünden ihr irgendwie zu (obwohl ihr Gatte mehr schwarze Männer ins Zuchthaus gebracht hat als irgendjemand vor ihm). Trump hat letztlich nur ein Prozent mehr weiße Stimmen bekommen als Romney, also nichts neues an der Front. Eher, dass er auch unter schwarzen und Latino-Männern ganz gut abgesahnt hat.

So schaltet man das Radio von KUT, dem Nachrichtensender, auf den Klassik-Sender um, zieht sich warm an, bleibt zu Hause (wo seit dem Wahltag passend das Internet down ist) und hofft, in seiner eigenen Umgebung umso mehr Wärme zu verbreiten und zu finden. Aber wenn man dann an das Gesindel denkt, mit dem sich Trump in seiner Regierung umgeben wird, daran, dass er durchregieren kann, und dann an den Klimawandel, dann wird man dort doch nicht allzu lange bleiben wollen. Doch wer weiß: die Wahrheit ist ja, dass sich an der bequemen und sicheren Lage von unsereinem am wenigsten ändern wird, noch dazu mit zwei Heimaten und zwei Pässen. Aber jammerschade, daß jetzt wieder die Besucher aus der alten Heimat ausbleiben werden…A gray day...

Seid umarmt und bleibt am Ball,

Jürgen