Genealogie epischer Helden

Pünktlich zur diesjährigen Berlinale ist wieder eine Serie erschienen, die es in sich hat. Better call Saul, ein Spin-off der Erfolgsserie Breaking Bad, erzählt die Geschichte des Anwalts Saul Goodman, der sich von einem lausigen Strafverteidiger zum kriminellen Rechtsverdreher mausert. Amerikanische Qualitätsserien sind schon seit geraumer Zeit in aller Munde und üben stärker denn je Attraktivität aus, der sich immer weniger Fernsehzuschauer entziehen können. Aber nicht nur diese begeistern sich für die tolle Unterhaltung aus den amerikanischen Produktionsstudios, auch das Feuilleton, ja sogar die Wissenschaft widmen sich diesem Thema mit einer gewissen Emphase. Und es vergeht kaum eine Woche, ohne dass eine neue Serie die Massen an den Bildschirm lockt. Nun also auch Better call Saul. Warum dieser Hype?

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Al Capone (Polizeifoto von 1931)

Der Grund dafür, so lautet der allgemeine Tenor, ist ihr literarischer Schreibstil. Man könnte auch sagen, Qualitätsserien repräsentieren die neue Literatur, deren Spezifikum in der Doppelkodierung und in der Fähigkeit liegt, durch komplexe Figuren- und Handlungsgestaltung den Intellekt zu beanspruchen, ohne dass die Unterhaltung dabei zu kurz kommt. Qualitätsserien erfüllen also das, was Leslie Fiedler schon vor fast fünfzig Jahren gefordert hat: cross the border, close the gap! Und welcher Gegenwartsroman kann das schon von sich behaupten? Weiterlesen

Das Potential des Kontingenz-Begriffs für die wissenschaftliche Erkenntnis – Auslotungsversuche mit offenem Ergebnis

Der Begriff der Kontingenz hat in den Kulturwissenschaften Konjunktur. Beschäftigte sich in diesem Wintersemester innerhalb der Ringvorlesung des WiZeGG bereits der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke (Konstanz) kritisch mit Postulaten steigenden Kontingenzbewusstseins in der Moderne, so ging der kulturwissenschaftlich orientierte Musikwissenschaftler Frank Hentschel (Köln) der Frage nach Sinn und Unsinn des Begriffs der Kontingenz ganz konkret für die Versprachlichung von Musikgeschichte an.IMG_3452

Auch für die Historiographie von Musik bietet der Begriff Potenzial, vor allem wenn er nicht als Beliebigkeit, sondern als auf benennbaren Voraussetzungen aufbauend, aber Alternativen mit einschließend verstanden wird. Er besticht mit der genuin in ihm angelegten Bedeutungsoffenheit. Diese Bedeutungsoffenheit bietet sich für nach eingehender Forschungsarbeit immer schwierig griffig zu beschreibende historische Sachverhalte geradezu an: Kaum ein historisches Phänomen ist bei näherem Hinsehen tatsächlich eindeutig oder monokausal begründbar, keines einseitig, keines hat wirklich alternativlos zwingende Folgen – wenn ein historischer Tatbestand gesichert ist, dann das der Kontingenz. Aber bringt das die Wissenschaft tatsächlich weiter? Weiterlesen