Trump und die „Bewegung“

Sich als „Bewegung“ inszenierende politische Strömungen sehen sich, sobald sie Staat geworden sind, mit dem Problem konfrontiert, die Dynamik, die sie freigesetzt haben, wieder einhegen zu müssen. Ansonsten droht den ehemaligen „Führern“ der Bewegung und ihrem Apparat die Gefahr, nun selbst von dieser Dynamik mitgerissen und weggespült zu werden. Hitler und die NSDAP beispielsweise hatten dieses Problem zu ‚managen’. Der Röhm-Putsch von 1934, die Abkehr vom völkischen Thingspiel hin zu traditionellen Form des Theaters oder auch die Durchsetzung einem monumentalen, staatstragen Klassizismus in der öffentlich-repräsentativen Szenerie des „Dritten Reiches“ waren Ausdruck und Vollzugsformen dieses Managements. Mit dem Ende der Zeit der Bewegung und des Aufbaus stand nicht mehr die Mobilisierung der Massen auf dem Plan, sondern ihre Integration und Ruhigstellung. Man kann diesen Stimmungswechsel bis ins Detail der Performanzen Hitlers hinein beobachten: Als Verkörperung der „Bewegung“ agiert er in der Pose des gegen die Väter Weimars – das Establishment – rebellierenden Sohnes; er schreit und pöbelt mit sich überschlagender Stimme pubertär, reckt den Oberkörper angriffslustig nach vorn, gestikuliert bedrohlich. Wenig später, als Staatsoberhaupt, gibt er den Vater: die Stimme wird ruhiger, das Verhalten gesetzter, die Haltung statischer. Wer die Rede Trumps nach seiner Wahl beobachtet hat, konnte Ähnliches beobachten: Gerade noch ungezogen pöbelnder Tabubrecher, führt er nun das väterliche Staatsoberhaupt auf – ruhig, einladend, mit wohl dosierten Lippenbewegungen statt aufgerissenem Mundwerk. Ein amerikanischer Arturo Ui.

Der Gestus der Gegenwarten

Zur Vergabe des Literaturnobelpreises an Bob Dylan

In die Musik kommt das Alltägliche, das Soziale und Politische mindestens ebenso über den Sound, über den Gestus, wie über den Text. Gestus ist etwas anderes als Stil, es ist auch nicht die Handschrift eines Künstlers, sondern die Konkretion einer gesellschaftlichen Haltung. Der Gestus von Dylans Performances entsteht im Miteinander von anspielungsreicher Musik und nöliger Stimme, von brüchiger Intonation und geheimnisvollen Texten, wie man es so zuvor noch niemals gehört hat. In diesem Miteinander werden verschiedene Herkünfte und Vergangenheiten zusammengeführt, ohne jemals harmonisch zueinander zu finden. Es ist diese zerbrechliche, immer wieder neue Fügung des Verschiedenen, in dem sich die Gesamthaltung nicht nur von Teilen einer Generation, sondern längst mehrerer Generationen sinnlich-sinnhaft verdichtet. Genau darin liegt die affektive Energie, die exemplifizierende Kraft, das ungemein Berührende dieser Kunst. Sie bringt zum Mitschwingen und lässt Gestalt werden, was diffus und unartikuliert in den affektiven Tiefenschichten des eigenen, sozialisierten Körpers verborgen ist, was sich nicht sagen, sondern ausschließlich zeigen lässt. Dylans Kunst ist eine performative Zeigekunst; sie schafft sinnliche Gestalten, die kollektive Erfahrung und kulturelles Gedächtnis gestalten.

Als ich ihn vor weit mehr als 40 Jahren das erste Mal gehört habe, ein Freund bis heute hatte aufgeregt seine erst Platte mitgebracht, war ich wie vom Donner gerührt. Es war atemberaubend, wir waren sprachlos und spürten: Ja, so ist es, nein, das ist es.
Man sagt, Dylan habe sich immer wieder neu erfunden. Aber er ist ebenso sehr immer wieder neu erfunden worden: als ein Seismograph analytisch kaum zu fassender, untergründig politischer Stimmungen und Haltungen, als ein Artikulator, der Atmosphärisches in Klänge fasst und diese zu Melodien verbindet, in denen man den Ton einer Zeit, einer Bewegung, eines Milieus entdeckt, wenn man ein entsprechendes Sensorium entwickelt und sich eingehört hat.
Ich habe gestern selbstredend Dylan gehört, sein frühes, ebenso düsteres wie lyrisches Alterswerk “Time out of Mind”. Unvordenkliche Zeiten, fortlaufend neu vergegenwärtigt. Das Nobelpreis-Komitee hätte besser nicht entscheiden können.

Über das Bloggen. Zwischen dem Soziologisieren der „kleinen Leute“ (de Certeau) und dem „Theaterblick“ (Bourdieu) der Großen Erzählungen

Schon bevor ich mich ans Schreiben meines ersten Blog-Eintrags machte, hatte sich mir eine zuvor eher abstrakte Einsicht als konkrete Erfahrung aufgedrängt: Das Format des Blogs nötigt Aktualität ab. Wie ließe sich in diesen Tagen ein Blog zur Genealogie der Gegenwart starten, ohne auf die schändlichen, die verstörenden Attentate von Paris einzugehen? Ihre Tragweite lässt sich kaum ermessen. Es ist häufig zu hören und zu lesen, dass sie sich als ein ähnlich einschneidendes Ereignis erweisen werden wie die Anschläge von 9/11. Jetzt wisse auch Europa um seine Verletzbarkeit. Das mag sein. Angesichts vergangener Terroranschläge etwa in Madrid im März 2004 oder in London im Juni 2005 fordert diese Einschätzung aber auch die Frage nach Aufmerksamkeitskonjunkturen heraus. Weiterlesen