Diagnostizieren und Therapieren

Notizen zum Workshop „Gegenwartsdiagnosen – Modellierungen der Gesellschaft in interdisziplinärer Perspektive“

Von Eckehart Velten Schäfer, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Was ist „Gegenwart“? Darauf hat zumindest die GWD Poster TürNeurowissenschaft eine klare Antwort: Ein Zeitraum von jeweils 2,7 Sekunden. Schwieriger wird es, wenn sich die Frage an die Philosophie, Geschichts-, Sozial- oder Kulturwissenschaft richtet. Meist ist mit Gegenwart dann eine Epoche oder ‚Zeit’ gemeint, in die die Gesellschaft jüngst eingetreten sei und die dann oft durch Bindestrichkonstruktionen charakterisiert wird. Solche „Gegenwartsdiagnosen“ – „Risiko-“ oder „Erlebnis-“, „Wissens-“ und „Kontroll-“ oder auch „Kreativgesellschaft“, um ein paar zu nennen – sind einmal für die Wissenschaften selbst bedeutend: Sie machen diese sozial relevant, indem sie Tendenzen, die der nichtakademische Alltagsverstand verzeichnet, aufgreifen, verdichten und an denselben zurückgeben. Sie sorgen für wissenschaftliche Dynamik wie auch gesellschaftlichen Wandel, wenn sie Diskussionen entfachen und Praktiken initiieren. Wenigstens aber dienen sie der Arbeitsbeschaffung, indem sie die Möglichkeit schaffen, alle Bücher noch einmal zu schreiben. Schon daher ist es laut Käte Meyer-Drawe (Bochum) typisch für sie, Wandel zu „dramatisieren“ und „das Überdauernde“ zu „bagatellisieren“. So lassen sich ‚Pathologien‘ aufzeigen und ‚Therapien‘ verordnen, auch wenn vielleicht gar keine ‚Revolution‘ stattfindet und kein ‚Strukturproblem‘ besteht. Ganz in diesem Sinne hielt Herbert Mehrtens (Braunschweig) entgegen so mancher Diagnose vom kreativ-impulsiven Arbeitssubjekt der Postmoderne an der „Rationalisierung“ als bis heute sozial dominierendem Dispositiv fest. Weiterlesen